Guten Morgen, heute ist Freitag, der 25. Juni 2010! 

  • G-Acht: Die Wichtigeren der Wichtigen treffen sich bereits heute in Kanada
  • G-Zwanzig: Ab morgen gilt es, in der Uneinigkeit über wichtige Themenfelder Einigkeit zu demonstrieren
  • G-nervt: Zu viele negative Kommentare belasten die Nerven der Marktteilnehmer

Wir bewegen uns in einer Zwei-Klassen-Gesellschaft. Einige fliegen Business Class, andere Economy Class. Im Zug gibt es 1. Klasse und 2. Klasse. Aber auf der Straße? Da sind wir alle gleich. Q7 und R4 teilen sich stets die gleiche Fahrbahn. Blockiert auf der linken Spur der R4 den Q7, ist das ein Stress-Test. Was liegt da näher, als endlich auch auf der Autobahn die Zwei-Klassen-Gesellschaft einzuführen? R4 rechts, Q7 links. Nach dem Sieg über Spanien traut sich die Schweiz nun alles zu und will genau das einführen: Eine VIP-Spur für Mehrzahler, farblich gekennzeichnet und womöglich mit abrollwiderstandsminimierendem Asphalt belegt. Blöd nur, sollte sich der R4-Fahrer einen Spaß erlauben und sich ebenfalls die teurere Vignette zulegen…

Noch eine Stufe über der VIP-Spur steht das polizeieskortiere Fahren. Doch das steht nur den wirklich wichtigen Menschen dieser Welt zu. Den Spielern der französischen Nationalmannschaft nach ihrer Ankunft in Paris, beispielsweise. Oder den Staats- und Regierungschefs der G-20. Einige von ihnen, sozusagen die Vipvips, treffen sich bereits heute zum G-8 im kanadischen Huntsville. Erst morgen beginnen dann die Gespräche im erweiterten Kreis der G-20 in Toronto. Ein Hauptthema wird das Sparen sein – weshalb die lokalen Veranstalter sich dachten: Wir zeigen mal, wie es nicht sein soll. Mehr als eine Milliarde Dollar sollen sich die Ausrichter die Veranstaltung haben kosten lassen. Ein künstlicher See ("fake lake"), geschenkte Blackberrys für die Journalisten, "Rezession als Spaßerlebnis" (Spiegel). Fragt sich, ob es der McDonald’s Hospitality Service nicht auch getan hätte.

Mit goldenen Silberlöffeln in der Hand werden die Vips und Vipvips hauptsächlich die folgenden Themen angehen:

  • Sparen und Wachstum fördern: Es geht darum, "fiskalpolitische Nachhaltigkeit" und "konjunkturelle Sicherung" auf einen Nenner zu bringen. Die Amerikaner sagen, "ohne Wachstum heute werden die Defizit morgen noch größer sein". Die Europäer entgegnen, "ohne Sparen heute wird das Wachstum morgen noch geringer sein". Die salomonische Formel wird lauten: "Es herrscht Einigkeit über eine differenzierte Ausstiegsstrategie."
  • Regulierung der Finanzmärkte: Stichworte sind die Bankenabgabe (Europa ja, Kanada nein), die Finanztransaktionssteuer (Deutschland ja, viele andere Länder nein), verschärfte Marktaufsicht und Kontrolle (alle irgendwie ja) und die Struktur des Bankensystems (weniger Leverage, höheres Kapital, alle ja, aber wie?).

Das Risiko für die Märkte liegt sicherlich in überraschenden Beschlüssen hinsichtlich der Bankenregulierung. Katerstimmung am Montag morgen ist daher möglich. Wahrscheinlicher indes ist, dass der Gipfel für die von Tag zu Tag denkenden Marktteilnehmer wenig Erhellendes mit sich bringen wird. Also widmen wir uns dem alltäglichen Bombardement an Einschätzungen zur Lage der Finanzwelt: Die Bank of England meint, die Schuldenkrise in Europa habe das Risiko für die Stabilität des britischen Bankensektors erhöht – mehr Abschreibungen und mehr Kapitalspritzen könnten die Folge sein. McKinsey meint, "only 18" spanische Banken sähen sich "major distress" gegenüber, aber die Situation sei "very, very under control" – sehr beruhigend… Der oberste Rechnungsprüfer Chinas sieht in einigen Provinzen Schuldenprobleme ähnlich wie in Europa; von mehr als einer Billion Euro Schulden ist die Rede. Positiv: Die EU Kommission meint, die Euro-Abwertung der letzten Monate könnte die EWU-Exporte um 5% erhöhen. Und Griechenland hofft, seine ehrgeizigen Haushaltsziele für 2010 sogar noch übertreffen zu können. Hilft nichts: Die Griechen-Spreads stehen nahe Rekordniveau und die ganze Marktstimmung wirkt irgendwie angeschlagen. Heute gibt’s die 18. Revision des Q1 USA BIPs (ca. 3%) und den Uni Michigan Stimmungsindex der Konsumenten. In Anbetracht der Nachrichtenlage sollten wir uns heute auf tendenziell eher wenig euphorischen Handel einstellen. Und das gilt für R4-Fahrer genau so wie für Q7-VIPs.

Purpsis Eckball:

Schadenfreude ist die schönste Freude. Denkt sich die BILD-Zeitung und formuliert:

"Ätschivederci, Italien!"
 

Kornelius Purps
Fixed Income Strategist
Director
MRE4FI
UniCredit Research

kornelius.purps@unicreditgroup.de

Kornelius Purps Corporate & Investment Banking
UniCredit Bank AG

www.unicreditgroup.eu

© Foto by mark wragg – www.istockphoto.com/© Foto Purps und Logo UniCredit Bank by UniCredit Bank AG

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