Von Computerspielen ist an dieser Stelle bislang herzlich wenig zu lesen gewesen. Das liegt sicherlich daran, dass meine Kenntnisse in diesem Bereich sich auf das Drehen von Quadraten bei Tetris oder das Anvisieren von Moorhühnern beschränken. Nun aber wurde ich auf ein Spiel aufmerksam gemacht, welches ich gerne all jenen Zeitgenossen ans Herz legen möchte, die infolge allabendlicher Wiesnbesuche und allmorgendlicher Finanzmarkternüchterung kurz davor sind, die Nerven zu verlieren: „The Artist is present“ heißt das Meisterwerk. Es beruht auf einer Performance der Künstlerin Marina Abramovic, die sich im Frühjahr letzten Jahres im New Yorker MoMa insgesamt 75 Tage schweigend an einen Holztisch gesetzt hat. Faszinierte Besucher standen stundenlang in der Schlange, um diesem Schauspiel wenigstens einige Minuten beiwohnen zu können. Dieses stundenlange Warteschlange-Stehen kann jetzt am Computer nachgespielt werden. In Real Time. Unter realistischer Berücksichtung der relativ begrenzten Öffnungszeiten des Museums…

Einige Spieler werden trotz der stets ansteigenden Spannung in The Artist notgedrungenerweise heute früh die Pausentaste gedrückt haben. Immerhin warten auf sie berufliche Verpflichtungen. Vielleicht haben diese Verpflichtungen irgendwie mit den Finanzmärkten zu tun. Diesen Zeitgenossen bietet sich heute früh erneut ein einigermaßen ernüchternder Anblick: Die Börsen haben in den letzten 24 Stunden ihren Einbruch beschleunigt fortgesetzt. In Europa schlossen die Aktienindizes mit Verlusten von etwa 5%, in den USA mit über 3% und in Asien liegen die Abschläge derzeit bei 1-2% (außer in Japan, dort ist Feiertag). Immerhin, der S&P Future hat sich von seinem Tief gestern Abend mittlerweile wieder um rund 2% nach oben berappelt. Das gibt Hoffnung, dass es heute zu einer vorläufigen Marktberuhigung kommen könnte.

Hauptauslöser für die Minuszeichen ist sicherlich die Konjunktureinschätzung der amerikanischen Notenbank von Mittwoch Abend. Zur Erinnerung: Die Fed sieht „erhebliche Abwärtsrisiken für die Wirtschaftsentwicklung, ergänzt durch Spannungen an den weltweiten Finanzmärkten“. An eben diesen Finanzmärkten setzt sich die Überzeugung durch, dass es sich bei dieser Einschätzung keineswegs um eine Einzelmeinung handelt. Bereits Anfang der Woche wurde EZB Präsident Trichet in einer spanischen Zeitung mit der Einschätzung zitiert, die jüngsten Revisionen im Wachstumsausblick der EZB seien „erheblich“. Sowohl Bernanke als auch Trichet verwendeten den Begriff „significant“. Heute früh zieht das EZB Ratsmitglied Coene bereits erste Rückschlüsse: „Sollten die Daten bis Anfang Oktober zeigen, dass sich die Dinge schlechter entwickeln als wir erwarten, müssen wir uns anschauen, wie wir darauf reagieren.“ Am Rande der IWF-Tagung in Washington deuteten die Finanzminister und Notenbankchefs der G20 im Anschluss an ein Abendessen in eine ähnliche Richtung: „Wir sind einer starken und koordinierten internationale Reaktion auf dieerneuten Herausforderungen für die Weltwirtschaft verpflichtet.“ Diese Herausforderungen werden anschließend in erschreckender Nüchternheit aufgelistet: zunehmende Abwärtsrisiken infolge der Staatsschuldenproblematik, Brüchigkeit des Finanzsystems, Marktturbulenzen, schwaches Wirtschaftwachstum und hohe Arbeitslosigkeit.

Begleiterscheinung der schwachen Aktienmärkte und Folge von Operation Twist der Fed sind historisch niedrige Renditen im Bund- und Treasurymarkt. Ein weiterer Profiteur ist der US Dollar. Im laufenden Monat konnte der Greenback (handelsgewichtet) bereits um 6% zulegen. Als wäre das alles nicht schon Besorgnis erregend genug, besteht heute auch noch die Gefahr, dass ein ausrangierter NASA-Satellit auf die Erde stürzt. Dieses Ereignis wenigstens können Sie bestimmt am Computer nachspielen – vielleicht, wenn es Ihnen in der Schlange vorm MoMo zu langweilig wird…

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