Wie es mit der letzten Supermacht in absehbarer Zeit weitergehen wird.

Fast könnte man der Meinung sein, die Einigung von Kongress und Präsident der Vereinigten Staaten, buchstäblich in letzter Minute die staatliche Verschuldungsgrenze anzuheben und damit eine offizielle Staatspleite der immer noch größten Volkswirtschaft der Welt abzuwenden, stamme aus der Feder eines Drehbuchautors aus Hollywood. Das sich in den vergangenen Wochen abgespielte Drama verursacht in Europa Kopfschütteln, manchmal sogar Abscheu, zumindest gegen die politische Klasse in den USA. Nur kurz nach der größten Finanzkrise der Nachkriegszeit, ausgelöst durch ein wirtschaftlich nicht sinnvoll nachvollziehbares Hypothekenfinanzierungssystem und potenziert durch eine weltweit hemmungslose Sucht nach immer höheren Renditen, leisten sich die USA einen bizarren Budgetstreit, inmitten des seit Jahrzehnten schlechtesten binnenwirtschaftlichen Klimas. Wie kommt es, dass die führende Weltmacht, die noch vor vierzig Jahren einzigartig sich den erdnahen Weltraum bis hin zum Mond nutzbar gemacht hatte, heute der größte Schuldner aller Zeiten ist und nicht einmal mehr aus eigener Kraft sein Personal auf die internationale Raumstation verbringen kann?

Wer vor dreißig Jahren in einem beliebigen amerikanischen Supermarkt eine Packung á sechs Stück einfache Herrenunterhosen aus Hundertprozent Baumwolle gekauft hat, zahlte an der Kasse $ 5,98. Geht man heute, dreißig Jahre später, wieder in einen solchen Laden und kauft die gleiche Ware, zahlt man immer noch $ 5,98. Hoppla, denkt sich der Europäer, das ist zwar einerseits enorm günstig, andererseits aber eigentlich unmöglich, denn nach dreißig Jahren weltweiter Inflation müsste die Ware doch teurer geworden sein? Ein anderes Beispiel: Seit eh und je kostet in den USA ein einfaches Ortsgespräch von einer Telefonzelle aus 25 Cent. Zur Einführung der Telefonie mag das ein stolzer Preis gewesen sein, heute ist das wirklich Kleingeld. Auch hier scheinen Jahrzehnte der Inflation spurlos an Amerika vorbei gegangen zu sein. Diese beiden Beispiele sind symptomatisch für den Zustand der amerikanischen Gesellschaft und Wirtschaft. Was die Unterhosen angeht, erkennt man den Unterschied am Herkunftsland. Vor dreißig Jahren kam die Ware aus Mittelamerika, heute kommt sie aus Indochina. Mit anderen Worten, man hat die Produktion immer dahin verlagert, wo sie am billigsten ist, damit man die Ware, trotz inflationären Tendenzen, stets auf einem gleichmäßigen Preisniveau anbieten kann. Da in den USA aber trotzdem die Löhne im Mittel gestiegen sind, kann man es auch so sehen, man hat die Verbraucher nicht an steigende Preise gewöhnt. Dadurch wurde Konsumgeld für andere, neue Produkte frei die vorher keiner gebraucht hat, die Rede ist von der Computer- und Kommunikationsindustrie.

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Die aber fertigt von Anfang an keine vollwertigen Endprodukte, sondern immer nur Halbfertigwaren die bereits bei Erwerb technisch veraltet und im Schnitt nach zwei Jahren so überholt sind, dass sie ersetzt werden müssen. Genau auf dieser produkttechnischen Schaumblase aber setzt zu einem erheblichen Teil die Wirtschaftskraft der USA auf. Diese wächst damit mehr und mehr nur nominell, nicht aber gedeckt von realen funktionierenden Produkten. Diese sind zwar so teuer wie Investitionsgüter, aber müssen abgeschrieben werden wie geringwertige Wirtschaftsgüter. Im Außenverhältnis hat Amerika auch nicht wirklich etwas anzubieten. Welcher Europäer kauft schon amerikanische Produkte? Im Elektroniksektor ja, weil es sonst kaum Alternativen gibt. Aber wie ist es bei Lebensmitteln? Amerikanische Küche, nein danke! Amerikanische Autos, lieber Laufen!

Amerikanische Maschinen, wenn’s funktionieren soll kaufen es selbst die Chinesen nicht! Amerikanische Bücher, das Nobelpreiskomitee für die Vergabe des Literaturnobelpreises winkt ab! Amerikanische Filme, ja gerne, aber die machen nur einen Bruchteil des Exports aus.
Amerikanische Produkte sind jetzt schon wenig und in Zukunft eher noch weniger konkurrenzfähig auf den globalen Märkten. Weder stimmen das Preis-Leistungsverhältnis, noch die Qualität der Produkte. So produziert Amerika vor allem für seinen Binnenmarkt, importiert dabei kräftig und hat eine enorm schiefe Außenhandelsbilanz. Global gesehen kann man sagen, der amerikanische Verbraucher hat bereits seit Jahrzehnten seine Rechnungen nicht mehr bezahlt.

In dieser erbärmlichen Ausgangslage spaltet sich die amerikanische Gesellschaft in zwei, immer unversöhnlicher werdende Lager. Da sind die Staatsskeptiker, die das freie Spiel von Kapital und Markt anbeten und der Gesellschaft nur ein Minimum an Kontribution und Einfluss zugestehen. Sie sitzen johlend auf einem Ast den sie selber absägen. Dann gibt es noch die Staatsabhängigen, die die Gesellschaft für die Sicherung ihres eigenen Überlebens benötigen, selbst aber nicht genug zur Kontribution beitragen können. Sie stehen im Schatten und werden nicht gesehen. Der fleißige Mittelstand aber, der im Kern die Gesellschaft trägt ist nicht in der Lage sich Gehör zu verschaffen. Verschärft wird die gegenwärtige Situation langfristig noch durch einen zweiten Konflikt. Die weiße protestantische Klasse der Gründerväter, deren lautstarke Vertreter heute die Staatsskeptiker sind, beginnen demographisch zur Minderheit abzurutschen. Auf der anderen Seite entwickelt sich langsam eine Mehrheit katholischer Neueinwanderer, deren Vorstellung von einem funktionierenden Staat auf einem ganz anderen Wertesystem basiert. Es ist absehbar, dass diese Mehrheitsverhältnisse in den nächsten zwei Generationen kippen werden. Einher wird diese Entwicklung mit noch mächtigeren gesellschaftlichen Auseinandersetzungen gehen, als wir sie jetzt in einem solch partiellen Thema wie der Abwendung der Staatspleite erlebt haben. Die dünne Schicht der Intellektuellen, die ihre Intellektualität ohnehin nur auf ein fachspezifisches Wissen und nicht auf eine breite Bildung stützen kann, hat in den USA sowieso keine Anhänger und bietet auch sonst nur fahle parteipolitisch ideologisierte Kurzfristkonzepte an. Die Aussichten auf eine grundlegende Besserung in Amerika sind für die Zukunft eher düster. Europa tut gut daran sich in jeder Hinsicht nicht darauf zu verlassen, dass der große Bruder auf der anderen Seite des Teichs schon irgendetwas wird richten können. Die ideale Welt wäre sogar, wenn beide Wirtschaftsbereiche einen Weg fänden gemeinsam am selben Seil zu ziehen. Ob es aber zu diesen Einsichten auf beiden Seiten des Atlantiks kommen kann, wird erst die Zukunft zeigen.

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Thomas Seidel ist Freier Journalist für Wirtschaft & Finanzen.

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