„Ansteckungseffekte“ – diese liegen immer dann vor, wenn jemand Drittes (Person oder Staat) in Misskredit gezogen wird, weil sich zwischen zwei anderen (Personen oder Staaten) ein Misstrauensverhältnis aufgetan hat. Der kritische Punkt beim Thema Ansteckung ist: Kommt die Nummer Drei berechtigterweise in Verruf, oder ist sie vollkommen unschuldig? Die Übergänge sind fließend. Wir bekommen derzeit Anschauungsunterricht in zwei vollkommen unterschiedlichen Welten: Bis zum Guttenberg trugen alle Doktorwürdenträger ihren akademischen Titel mit Stolz vor der Brust. Dann tauchten die Plagiatsvorwürfe auf und reihenweise PhDs werden angesteckt. Einige geraten mit Recht unter Plagiatsverdacht (Silvana Koch-Mehrin, Veronica Saß [’ne Stoiber-Tochter]), womöglich Tausende andere zu Unrecht. Wir stehen kurz vor der Umkehr der Beweislast: Es dauert nicht mehr lange, und jeder Promovierte muss bei einer Bewerbung oder einer Fahrkartenkontrolle nachweisen, dass er nicht abgeschrieben hat.

Innerhalb der Europäischen Währungsunion sind wir schon längst so weit: Prinzipiell steht jedes Mitgliedsland unter dem Verdacht, eine nicht nachhaltige Haushalspolitik zu betreiben. Die Anleger an den Bondmärkten verlangen regelmäßig glaubwürdige Nachweise darüber, dass die Verdachtsmomente nicht stichhaltig sind. Einigen Staaten gelingt dies überzeugend (z.B. Deutschland), anderen überraschend lässig (z.B. Frankreich), wieder anderen eher zufällig (v.a. Belgien). Drei Ländern wurde die Doktorwürde bereits aberkannt (Griechen-, Irland und Portugal). Und bei zwei Staaten tagt der Untersuchungsausschuss: Spanien und Italien. Inhalts- und Literaturverzeichnis beider Länder verleiten zu der Vermutung, „Das habe ich doch alles irgendwo schon mal gesehen…“. Aber bis heute konnte weder für das eine noch das andere Land der Nachweis jeglicher Form von Plagiarismus erbracht werden.

An Spanien und Italien entscheidet sich das Schicksal der Europäischen Währungsunion. Verlieren die Anleger das Vertrauen in die Zahlungsfähigkeit dieser Länder, ist ein Auseinanderbrechen der EWU kaum noch vermeidbar. Daher muss jede Maßnahme, die in Zusammenhang mit den Haushaltsproblemen in Griechenland, Irland oder Portugal ins Auge gefasst wird, einen doppelten Test bestehen: Erstens, ist die Maßnahme geeignet, das Schuldenproblem in dem betreffenden Land zu mildern? Und zweitens, besteht durch die Maßnahme die Gefahr, dass – insbesondere über den Kanal „Finanzmärkte“ – eine Ansteckung Spaniens oder Italiens befürchtet werden muss? Die meisten Vorschläge, die auf eine Schuldenrestrukturierung oder gar den Austritt aus der Union abzielen, fallen mit Pauken und Trometen durch die zweite Prüfung durch. Und zwar so deutlich, dass es sich erübrigt, darüber nachzudenken, ob die Maßnahmen überhaupt geeignet wären, dem Land aus der Patsche zu helfen.

Bei einer weiteren Rettungspakettranche sieht das anders aus: Diese könnte Griechenland helfen (muss man sicherlich diskutieren…), die Risiken einer Ansteckung Spaniens oder Italiens dürften dadurch hingegen nicht wesentlich ansteigen (klar, kann man auch diskutieren…). Nach den jüngsten Wasserstandsmeldungen wird es wohl für Griechenland eine weitere Kredittranche geben. Zwar regt sich dagegen Widerstand und die Maßnahme ist sicherlich nicht „alternativlos“ – aber eine bessere Alternative liegt bislang offensichlich noch nicht auf dem Tisch.

Möglicherweise waren es erneute Anlegersorgen zu Europa, welche gestern an den Märkten den Hebel von „Risk On“ ziemlich ruckartig auf „Risk Off“ umgelegt haben. Euro, Aktien, Renditen, Rohstoffe – alles, was einem gerade noch lieb und teuer war, wurde verachtet wie erschummelte Doktortitel. (Und ich bin mir sicher, dass da auch jede Menge Ansteckungseffekte im Spiel waren…). Griechenland, Irland oder Portugal nehmen am Kapitalmarkt 5 Mrd. Euro auf, oder Guttenberg, Koch-Mehrin bzw. Saß bekleiden ein führendes politisches Amt?

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Kornelius Purps ist Fixed Income Strategist bei der UniCreditBank AG.

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