Mobile Payment beflรผgelt die Phantasien unterschiedlichster Unternehmen. Manche sehen eine riesige Geschรคftschance, andere vielmehr ein Schreckgespenst. Wie ist die Rolle der Banken in diesem Zusammenhang heute einzustufen? Wie kann Mobile Payment helfen, langfristige Kundenbeziehungen zu nรคhren und die Nรคhe zum Kunden im Alltag zu gewรคhrleisten? Eine Studie zeigt, wie hoch der Nachholbedarf noch ist.
โDer Wettbewerb um kรผnftige Kunden wird mit einer Dynamik gefรผhrt, auf die viele Banken noch nicht ausreichend vorbereitet sindโ oder โBanken fokussieren zwar auf das Kundenmanagement, kรถnnen oder wollen eine stringente Kundenorientierung aber noch immer nicht umsetzen.โ Dies sind Ergebnisse aus der Trendstudie โBank & Zukunftโ 2013 und 2014, fรผr die das Fraunhofer-Institut jรคhrlich Fรผhrungskrรคfte aus dem Finanzsektor befragt. Langfristige Kundenbeziehungen nรคhren sich aus der Nรคhe zum Kunden im alltรคglichen Leben, aus relevanten Erlebnissen und Mehrwerten in entscheidenden Momenten sowie aus einer regelmรครigen, aktiven Interaktion. Sie sollten auf der Kundenzufriedenheit als ihrer Basis ruhen. Mobile Payment kann ein entscheidender Baustein in dieser Beziehungspflege sein, es ermรถglicht Mehrwerte, Interaktion und positive Erlebnisse zu kreieren. Kurz um: Nรคhe zum Kunden.
Mobile Payment kann ein entscheidender Baustein sein. Doch wo bleiben die Banken?
Traditionell sind Banken ja die Anbieter von Zahlungsmitteln, denn die meisten Menschen in Deutschland beziehen Bargeld, Girokarte und Kreditkarte รผber ihre Bank. Nun ist aber ein neuer Wettkampf um das Portemonnaie des Konsumenten gestartet. Gรคnzlich neue Akteure, wie Mobilfunkunternehmen, digitale Giganten, Handelskonzerne, Technologieunternehmen und Startups, buhlen um die Aufmerksamkeit neuer Kunden fรผr ihre Zahlungsverfahren. Banken hingegen sind im Innovationsfeld Mobile Payment weniger prรคsent bis gar nicht wahrnehmbar. Dabei genieรen sie in Deutschland heute mit deutlichem Abstand noch das hรถchste Vertrauen als Finanzdienstleister. Nicht zu unterschรคtzen ist aber die Aufholjagd der Alternativanbieter. PayPal konnte bereits einen Vorsprung gegenรผber manch weniger gut bewerteten Banken erzielen, auch Amazon ist auf gutem Weg. Bereits jeder vierte Deutsche kann sich vorstellen, Finanztransaktionen รผber Amazon abzuwickeln.
Wenn diese Alternativanbieter in Zukunft immer mehr Kunden gewinnen, immer mehr Transaktionen รผber sich verbuchen, dann rรผckt die Bank in der alltรคglichen Wahrnehmung des Kunden stetig weiter in den Hintergrund. Langsam gerรคt die Bank womรถglich in Vergessenheit, die relevanten Fragen des Alltags bzw. Notwendigkeiten wie das Bezahlen bedienen dann andere. Im Set der relevanten Marken im Kopf des Konsumenten tummeln sich dann Unternehmen, die nah an den Problemen und Bedรผrfnissen der Menschen agieren.
Das Bezahlen ist nicht der entscheidende Faktor. Wichtiger ist der Effekt der Kundenbindung.
Das Bezahlen mit Bargeld oder Karte funktioniert heute ausreichend gut, dass die Masse der Konsumenten nicht nach einem simplen Ersatz auf ihrem Mobiltelefon sucht. Anders kรถnnte es aussehen, wenn die mobile Zahlungsmethode zu einem Mehrwert fรผhrt, nรคmlich wenn ein Vorgang dadurch einfacher, schneller oder besser zu bewรคltigen ist. So ist es der Fall bei Starbucks in den USA, wo die digitale Kundenkarte im Handy geschickt mit der mobilen Bezahlung und weiteren Vorteilen zu einer reibungslosen und ganzheitlichen Kundenerfahrung verknรผpft wurde. ย Die Nutzer interagieren regelmรครig im Alltag mit der Marke Starbucks รผber ihr Smartphone und fรผhlen sich dort abgeholt, wo sie eh schon ihre Zeit verbringen. Starbucks, Google, Amazon und Gefรคhrten bieten Mobile Payment nicht primรคr an, um damit Geld zu verdienen. Payment entwickelt sich zunehmend zu einer Commodity, einer Art Bedarfsartikel mit Kundenbindungseffekt, denn die Zukunftschancen liegen zumeist nicht in den Transaktionsgebรผhren: Vielmehr geht es um eine aktive Kundenbeziehung, um im tรคglichen Leben des Nutzers relevant zu bleiben. In den wichtigen Momenten des Alltags (d. h. da wo Menschen Probleme bewรคltigen, bessere oder schnellere Antworten auf ihre Fragen bekommen oder einen besseren Weg finden, eine Aufgabe zu erledigen) mรผssen Mehrwerte angeboten werden, wodurch der Kunde eine Prรคferenz fรผr den einen oder anderen Anbieter entwickelt.
Nรคhe zum Kunden schaffen โ das geht auch bei Banken
Mehrwerte rund um Mobile Payment ermรถglichen es, Nรคhe zum Kunden im Alltag zu schaffen. Als Mehrwerte rund um Mobile Payment sind allerdings nicht nur Coupons und Kundenkarten zu verstehen. Es kommt ganz auf die รberschneidungen zwischen Anbieter und Kunde an. Es kรถnnte sich um ganz simple Dinge, wie die Anzeige des Kontostandes bzw. Kartenlimits kurz vor dem Gang zur Kasse wรคhrend des Einkaufs handeln. In Deutschland liefert das Mobile Payment bisher kaum Mehrwerte, so manche Angebote verkomplizieren das Bezahlen sogar, da mehr Schritte als mit herkรถmmlichen Zahlungsmitteln notwendig sind.
Customer Immersion โ den Bedarf des Kunden verstehen und bedienen
Um die notwendigen Mehrwerte zu erzeugen, erhรคlt derzeit die Ausdifferenzierung der Nutzungsfรคlle eine zunehmende Bedeutung. Dabei werden Zahlungsservices auf spezifische Anforderungen z. B. in spezifischen Handelskontexten oder fรผr Mobilitรคtsservices angepasst. So konnte beispielsweise die deutsche App โMyTaxiโ, ein mobiler Vermittlungsdienst von Taxifahrten, das mobile Bezahlen erfolgreich in seinen Serviceablauf einfรผgen. Als Erfolgsrezept gilt die Mischung aus einer mobil-digitalen Zielgruppe mit einem bereits in Teilen digitalisiertem Ablauf in einem mobilen Kontext. Der Mehrwert entsteht aus einem schnelleren, einfacheren oder besserem Gesamtablauf. Auch Jeff Bezos von Amazon sieht hier einen Eckpfeiler des Erfolgs: er versetzt sich in einen einzigen Kunden hinein, versucht seine Probleme und Bedarfe zu verstehen โ wirklich tief zu verstehen โ und sucht dann eine bessere Lรถsung, fรผr die sich eine Gruppe von Kunden interessieren lรคsst. 55% der Deutschen besitzen ein Smartphone und 35% nutzen es unterwegs, um sich mit dem Internet zu verbinden. Somit befinden sich auch unter deutschen Bankkunden genรผgend mobil-digitale Nutzer, die den Minicomputer bereits als Alltagsassistenten nutzen. Diese gilt es zu verstehen, um Mehrwerte fรผr sie zu finden. โCustomer Immersionโ ist ein Methode, die das Eintauchen in die Lebenswelten einer ausgewรคhlten Zielgruppe ermรถglicht. Schritt fรผr Schritt werden die Alltagsablรคufe von Kunden analysiert, um Probleme oder Verbesserungen zu identifizieren (โWalking in the Customers Shoesโ). Im zweiten Schritt werden daraus innovative mobile Services abgeleitet, durch welche die Nรคhe zum Kunden gestรคrkt wird.
Die Chance: Innovative Dialogpunkte entwickeln. Aber das Innovationsmanagement in Banken ist unterdurchschnittlich
Diese Tiefe der Insights ist notwendig, um echte Innovationen fรผr die Kunden zu kreieren. Gemรคร der Studie โBank & Zukunftโ endet die Kundenfokussierung der Banken allerdings oft bei der aktiven Einbindung der Kunden in die Geschรคftsablรคufe und auch in das noch immer unterdurchschnittlich entwickelte Innovationsmanagement. Diese Hรผrden gilt es zu รผberwinden. Der Wettbewerb um die Nรคhe zu den Kunden verschรคrft sich bereits heute und wird insbesondere durch innovative und digitale Mitstreiter in einer bisher ungekannten Geschwindigkeit vorangetrieben. Die Kunden gewรถhnen sich sehr schnell an ihre neuen Wahlmรถglichkeiten und die Entscheidungsmacht. Mobile Payment kann fรผr Banken ein Innovationshebel sein, um die Relevanz fรผr den Kunden nicht zu verlieren und langfristige Kundenbeziehungen zu nรคhren. Payment bietet die Chance, regelmรครige Kontaktpunkte mit dem Kunden im Alltag zu generieren und durch Mehrwerte anzureichern. Durch mobile Technologien kรถnnen aus den simplen Kontaktpunkten innovative Dialogpunkte werden. Am wichtigsten ist aber der Fokus auf den Kunden, der nicht nur eine leere Versprechung bleiben darf.
Maike Strudthoff ist Future Analyst, Autorin, Rednerin und Beraterin mit Fokus auf Mobile Services Innovation. Sie hilft Unternehmen in Workshops sich in die Zukunft zu projizieren. Fรผr das Online-Magazin mobile-zeitgeist.com schreibt Maike regelmรครig รผber Mobile Payment.
Grafik: mladensky via istockphoto.com
Maike Strudthoff ist Futurist, Keynote Speaker, Author, Owner der Firma MSIC for Mobile Innovation.

