Was eine Verlagerung des Backoffice von Clearstream bedeutet

Die Kette von schlechten Nachrichten für das Geschäftsabwicklungsunternehmen der Deutschen Börse AG Clearstream reißt nicht ab. Im Juni hatte man sich zuletzt auf den Abbau von um die einhundert Mitarbeiter geeinigt und auch eine Anzahl von Führungskräften sind betroffen. Doch wie jetzt zu erfahren ist, denkt die seit langen in Kostenzwängen befindliche Deutsche Börse über weitergehende Maßnahmen nach.

Während an den Hauptstandorten Luxembourg und Frankfurt, wo immerhin an die 3300 Mitarbeiter beschäftigt sind, massiv Stellen gestrichen werden sollen denkt man gleichzeitig über den Aufbau von mehreren Hundert Arbeitsplätzen am Standort Prag nach.

Schon sieht Véronique Eischen die Zentralsekretärin der Luxembourgischen Gewerkschaft OGBL eine Abwanderung der technischen Abwicklung in ein Billiglohnland und damit die Aushöhlung vor allem des Standorts Luxembourg. Grund genug die Arbeit von Clearstream etwas genauer zu verstehen. Bezogen auf das Wertpapiergeschäft stehen im Rampenlicht des öffentlichen Interessen allzu oft nur die Börsen. Auch wenn vielen der konkrete Preisfindungsprozess einer Wertpapierbörse nicht sofort klar ist, das lebendige und hektische Treiben von dem alltäglich aus verschiedenen Börsenplätzen berichtet wird, hinterlässt immer einen Hauch von Faszination. So gut wie nichts ist beim Publikum über die viel weniger spektakuläre Arbeit der Geschäftsabwickler bekannt und Clearstream ist in Europa davon einer der Größten.

Als sogenannter Zentralverwahrer hat Clearstream nach eigenen Angaben etwa 2.500 Finanzdienstleister aus über 110 Ländern als Kunden und erbringt Dienstleistungen für rund 400.000 Wertpapiere aus fast 50 Märkten weltweit. Wenn man Clearstream sich wie eine Zentralbank für Wertpapiere vorstellen möchte, dann muss man sich klarmachen, dass der Gegenwert der verwahrten Wertpapiere im Jahresschnitt bei etwa 10 Billion Euro liegt und die Höhe des monatlich durchschnittlich ausstehenden Volumens in der globalen Wertpapierfinanzierung fast 510 Milliarden Euro beträgt. Das sind in jedem Fall gewaltige Mengen für deren korrekte Bearbeitung die Gesellschaft die Verantwortung trägt.

Natürlich ist, wie im ganzen Finanzgeschäft die Abwicklungsarbeit stark von Computertechnologie durchdrungen. Der Grad möglicher Automatisierung muss und wird immer mehr verbessert. Dennoch, das Wertpapierabwicklungsgeschäft, anders als etwa das Devisengeschäft also Handel und Abwicklung von Fremdwährungen, ist und bleibt mit einer Menge mehr Handarbeit verbunden, die nur von gut ausgebildeten und erfahrenen Mitarbeitern erbracht werden kann.

Der Grund dafür ist, dass die internationale Standardisierung im Wertpapierbereich noch lange nicht so weit voran geschritten ist, wie dies bei anderen techniklastigen Finanzgeschäften schon längst der Fall ist. Dazu tragen nicht nur traditionelle Marktusancen in den einzelnen Ländern bei, sondern auch zum Teil stark abweichende gesetzliche Vorschriften. Das reicht im Einzelfall bis zu, den Europäern befremdlich vorkommenden, Vorstellungen was die Eigentumsverschaffung oder die Beleihung von Wertpapieren angeht. So gibt es Länder in denen ein Pfand nur dann seine rechtliche Wirkung entfaltet, wenn es sich tatsächlich im physischen Besitz des Pfandgläubigers befindet.

All solche Spezialitäten müssen die Mitarbeiter von Clearstream beachten. Sachverhalte die sich nicht ohne weiteres in ein Handbuch fassen lassen und schon gar nicht in einen automatisierten Programmablauf. Ob der notwendige Wissenstransfer nach Prag daher je erfolgreich sein wird, kann erst die Zukunft weisen. Für Luxembourg ist es dann jedoch in jedem Fall zu spät.

© Foto by Tom Nulens – www.istockphoto.com

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Thomas Seidel ist Freier Journalist für Wirtschaft & Finanzen.

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