Heute ist Freitag. Das heißt, in den Handelsräumen dieser Welt herrscht der Casual Dresscode. Erlaubt ist alles, solange man erkennt, dass der Kollege sich die Klamotten selber gekauft hat. Frau sieht also wieder Männer in rosa Hemden und Breitcordhose, was suggerieren soll, dass der Träger dieses Beinkleids nach Feierabend Schopenhauer liest und sich norwegische Literaturverfilmungen im Original anschaut. Unbestätigten Quellen zufolge dürfen auch die Kollegen einer Schweizer Großbank heute wieder in Kirmeslook erscheinen; der von der Weltöffentlichkeit vielbeachtete Dresscode sei in Default.

Aber wir wissen ja: Sobald irgendwo in der Welt etwas Systemrelevantes in Default ist, ist das deutsche Parlament gerne bereit, ein Rettungspaket zu schnüren. So auch jetzt: In Berlin ist ein Krawattenkampf ausgebrochen. Ein rechts sitzender Abgeordneter echauffierte sich über die Blümchenschlips-Verweigerer aus dem linken Teil des Plenarsaals. „Das ist völlig absurd“, schallt es in geübter Rhetorik aus jener Ecke zurück. Bald werden Geschäftsordnung, UBS Dresscode und EU-Verträge entsprechend geändert: „Präambel – Das Tragen eines Langbinders ist alternativlos!“

Die Kleiderfibel für berufstätige Männer besteht ja leider nur aus einem Satz: Anzug. Krawatte. Ende. Das macht uns verwechsel- und damit irgendwie austauschbar. Und insofern werden wir es vielleicht gar nicht merken, wenn in ein paar Monaten irgendwelche anderen Schlipsträger die Geschicke unseres Kontinents lenken. Denn: Es ist Wahlzeit. In Portugal finden am Sonntag Präsidentschaftswahlen statt. In Irland wurde der 11. März als Termin für eine Neuwahl des Parlaments fixiert. Deutsche Cordhosenträger und Kentknotenverweigerer treffen sich erstmals am 20. Februar in Hamburg zum Urnengang. Es folgen Sachsen-Anhalt am 20. März, Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg eine Woche drauf, Bremen am 22. Mai, Meck-Pomm am 4. und Berlin am 18. September.

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Und mittendrin, am 24./25. März wählt Europa einen Mechanismus zur kurz- und langfristigen Stabilisierung ihrer Einheitswährung. Wenn man alle derzeit vorliegenden Ideen in einzelne Pakete, eingewickelt in Geschenkpapier und zugeschnürt mit alten Lederkrawatten, unter einen bereits nadelnden Tannenbaum legen würde, sähe das aus wie Weihnachten bei der Kelly Family: Es gäbe viel auszupacken. Selbst Amazon weist unter dem Stichwort „Rettungspaket“ mittlerweile 240 Geschenkideen aus. Heute früh bringt uns der freundliche Paketbote ein weiteres Päckchen: Die „effektive Ausleihkapazität“ (ich liebe diesen Terminus!) des 440 Mrd.-Schirm namens EFSF soll nicht dadurch erhöht werden, dass die Triple-A-Staaten ihre Garantien erhöhen, sondern dadurch, dass die Nicht-Triple-A-Staaten eine Bareinlage hinterlegen. In diesem Vorschlag wurden die zwei Eckkneipenweisheiten „Nur Bares ist Wahres“ und „Den Bürgen sollst du würgen“ erfolgreich miteinander kombiniert. Die Finanzmärkte sind gegen alltäglich neue Paketlieferungen mittlerweile resistent.

Viel wichtiger sind die Fragen: Wie groß ist der Inflationsdruck in der Eurozone? (Etliche Vertreter der EZB ruderten mittlerweile zurück, es sei alles nicht so dramatisch, wie in Trichets Pressekonferenzverlautbarungen hineininterpretiert wurde.) Und wann strafft China das nächste Mal seine Geldpolitik? (Neueste Marktspekulationen: Um das chinesische Neujahrsfest am 3. Februar herum.) Angesichts dieser Perspektiven treten die Anleger geschlossen den Rückzug an: Anleihen aus Deutschland, Großbritannien und den USA werden feilgeboten wie gelbe Lederschlipse. Aktien werden nur zaghaft als Alternative gesehen. Und im Devisenmarkt werden US Dollar und Schweizer Franken abgestoßen, was ein wenig zufällig erscheint und daher nicht zwingend als Trend der kommenden Wochen verstanden werden sollte.

Foto von nyul – www.istockphoto.de

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Kornelius Purps ist Fixed Income Strategist bei der UniCreditBank AG.

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