• Meinungsverschiedenheit: Politiker erklären die EU-Krise für beendet, Märkte widersprechen energisch
  • Meinungsfreiheit: Analysten dieser Welt, erklärt dem Volke wie gut es um Spanien steht
  • Meinungseinheit: Wir shoppen als gäbe es kein Morgen – USA & Deutschland im Kaufrausch
 
(Hurra, mein Outlook geht wieder…) Vor wenigen Tagen versuchte ich in einer prosaischen Anmaßung die Dinge auf den Punkt zu bringen: „Die Schuldenkrise ist das Metzgermesser im Mastdarm des Euro“ formulierte ich reißerisch, wenn auch stilistisch wenig gelungen. Aber wie recht ich behalten sollte. Gestern, unmittelbar nachdem das Team von CSI Bruxelles dem Staat Irland mit einem 85-Milliarden-Euro-Kredit aus der Patsche verhalf, entdeckte ich die folgende Schlagzeile: „Irrer rammt Wild-Pinkler Küchenmesser in den Hintern“. Wir lösen auf: Der Irre, das sind die bösen Spekulanten. Der Hintern ist die Fleisch gewordene Verpackung des Mastdarms. Und der Wild-Pinkler ist der Euro. Der Wild-Pinkler wurde von Notärzten versorgt, der Euro von der CSI-Truppe. Der Wild-Pinkler befindet sich auf dem Weg der Besserung. Dem Euro geht es nach dem notoperativen Eingriff schlechter.

Wie befürchtet kann die schnelle Einsatztruppe as EU, EZB und IWF derzeit versuchen was sie will – die Anleger wenden sich ab mit Grausen. Das Stützungspaket für Irland ist maßgeschneidert wie Kates Hochzeitskleid. Die Verlängerung der Kreditlaufzeiten für Griechenland beraubt neunundneunzig Prozent der Analysten eines ihrer Weltuntergangsargumente. Und die Eckpunkte zur Vereinbarung für den Europäischen Stabilitäts-Mechanismus ab 2013 sind nachvollziehbar, notwendig und angemessen (über Details können wir ja noch diskutieren…). All das wurde am Sonntag Abend beschlossen. An den Finanzmärkten fällt die Interpretation der getroffenen Maßnahmen jedoch unerfreulich aus, wohl weil Wikileaks Auszüge aus dem Operationsbericht veröffentlichte: „Bei dem Noteingriff wurde im Mastdarm des Patienten ein Küchen- oder Metzgermesser entdeckt. Nach eingehenden Beratungen mit der Gesundheitsbehörde und dem Verwaltungsrat des Krankenhauses beschlossen die behandelnden Ärzte, den Fremdkörper ab Mitte 2013 schrittweise zu entfernen.“

Es dürfte jedermann einleuchten, dass die Zeit bis dahin einigermaßen schmerzhaft sein wird. Insbesondere besteht die Sorge vor gefährlichen Ansteckungskrankheiten (Portugal, Spanien). Vor dem Hintergrund des OP-Bulletins erscheint besonders problematisch, dass sich das Ärzteteam geschlossen den mit den Hufen scharrenden Pressevertretern stellt und ungefragt proklamiert: „Mit den getroffenen Entscheidungen ist die Krise vorbei. Es gibt keinen Grund, weiter über den Gesundheitszustand des Patienten zu spekulieren.“

Die Reaktion an den Finanzmärkten ist vielstimmig und eindeutig zugleich: Die Aktienmärkte verlieren im Tagsverlauf bis zu 2½%. Der Euro gibt auf breiter Front nach. EUR-USD fällt von 1,33 auf 1,2975, EUR-CHF plumpst, aufgrund einer Paritätsbewertung zwischen dem Dollar und dem Schweizerfranken, deckungsgleich auf 1,30. Im Markt für Staatsanleihen weiten sich die Renditeaufschläge für spanische Bonds massiv aus. Auch italienische und belgische Anleihen tendierten extrem schwach – es sind genau diese drei Länder, welche in dieser Woche versuchen, am Kapitalmarkt Schulden aufzunehmen.

Wenn CSI Bruxelles also gute, aber erfolglose Arbeit liefert, was kann „den Markt“ dann eigentlich noch retten? Ich sehe zwei Möglichkeiten: Erstens: Anfang kommenden Jahres entscheiden die Anleger, das spanische Anleihen zu rund 6% Rendite ein Schnäppchen sind (bis Jahresende ist wohl nicht davon auszugehen, dass insbesondere Real Money Investoren noch freudig zulangen werden). Zweitens: Wikileaks veröffentlicht interne Bankanalysen, aus denen hervorgeht, dass eine Rettung oder gar Schuldenrestrukturierung Spaniens vollkommen unnötig sei, weil das Land fiskalpolitisch auf zwar schwachen, aber durchaus gesunden Beinen steht.

Wenden wir uns einem anderen Thema zu: Dem Weihnachtsgeschäft. Am Freitag in den USA (Black Friday) und am Samstag in Deutschland (1. Advent) ging es los. Überwiegende Bewertung: „Traumstart“! Das konnte für Deutschland erwartet werden (vgl. auch: Arbeitsmarktdaten heute), nicht aber für die Vereinigten Staaten. Dort werden wir heute Nachmittag erfahren, ob der Konsumrausch der Krisengewinner von einer breiten Verbesserung des Konsumentenvertrauens getragen wird. Beliebteste Geschenkartikel dieses Jahr: iPhone, iPad und iMesser…

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Dies ist ein humoristischer Marktkommentar und keine Anlageberatung. Die Einschätzungen des Autors beruhen auf Informationen, die auf öffentlich zugänglichen, als verlässlich eingeschätzten Informationsquellen basieren. Weitere Informationen finden Sie im Disclaimer.
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Kornelius Purps
Fixed Income Strategist
Director
MRE4FI
UniCredit Research

kornelius.purps@unicreditgroup.de

Kornelius Purps Corporate & Investment Banking
UniCredit Bank AG

www.unicreditgroup.eu

 

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