Ende Mรคrz feierte Europa erst das 60-jรคhrige Bestehen der rรถmischen Vertrรคge, um kurz danach die offizielle Austrittserklรคrung von Frau May in Empfang zu nehmen. Die nรคchsten Jahre werden jetzt entscheiden, ob es in Europa mehr Freud oder Leid geben wird. Nicht nur in den Verhandlungen mit Groรbritannien, sondern vor allem in den Diskussionen um die Zukunft Europas.
Kapitulation vor der Komplexitรคt
Wenn sich Europas Regierungschefs im Augenblick zur Zukunft Europas รคuรern, hรถrt man immer wieder den Begriff โEuropa der verschiedenen Geschwindigkeitenโ. Hinter diesem Begriff verbirgt sich die Idee, dass weitere Integration nicht mit allen Mitgliedsstaaten mรถglich ist, sondern immer nur in verschiedensten kleinen Gruppierungen. Je nach Thema sollen Mitgliedsstaaten enger miteinander zusammenarbeiten, oder auch nicht. Wie das in der Praxis aussehen soll, weiร niemand. Die Gefahr solch eines Europas der verschiedenen Geschwindigkeiten ist, dass es so viele verschiedene Formen der Zusammenarbeit und Geschwindigkeiten gibt, dass einem schwindlig wird und am Ende Bรผrger unter noch grรถรerer Komplexitรคt der EU kapitulieren.
Das Prunkstรผck der europรคischen Integration
Letztendlich geht es aber nicht um zwei oder mehr Geschwindigkeiten. Es geht einzig und allein um die Zukunft des Euros. Wenn der Euro nicht absolut krisenfest gemacht werden kann, dann steht es auch um die Zukunft Europas schlecht. In der aktuellen Diskussion wird nรคmlich hรคufig vergessen, dass die Wรคhrungsunion das Prunkstรผck der europรคischen Integration ist; das sogenannte Sahnehรคubchen auf dem Kuchen. Wenn sie das nicht bleibt, kann man auch den Rest Europas getrost in die Kategorie โScherbenhaufen der Geschichteโ abheften.
Umverteilung, Wirtschaftshilfen und eine einheitliche Politik
Die Eurozone hat in den letzten Jahren einen bemerkenswerten รberlebenswillen gezeigt. Allerdings hat man es nicht geschafft, Konstruktionsfehler wie das Fehlen eines automatischen Krisenmechanismus, eines gemeinsamen Budgets und einer klaren Aufgabenverteilungen zwischen nationaler und Eurozonen-Ebene zu korrigieren. Man hat zwar einige Ad-hoc-Lรถsungen geschaffen (wie z.B. die Rettungsprogramme), die allerdings nur sehr bedingt strukturell anwendbar sind, da sie immer wieder Spielball nationaler Interessen werden. Der eingeschlagene Weg fรผhrt nicht automatisch zum Ende der Wรคhrungsunion. Zusammen mit dem starken รberlebenswillen, dem investierten politischen Kapital und immer wieder regelmรครigen kleinen Eingriffen (z.B. mehr Staatsausgaben) kann der Euro noch jahrelang den Kritikern eine lange Nase drehen. Wenn die Wรคhrungsunion allerdings durchstarten mรถchte, sind Themen wie ein Umverteilungsmechanismus, direkte Wirtschaftshilfen und auch eine einheitliche Eurozonen-Politik unvermeidlich.
Des einen Leid und des anderen Freud
Die Finanzmรคrkte haben die Gefahr eines Nexits und Frexits oder sogar das Ende des Euros dieses Jahr weit grรถรer gemacht, als sie wirklich ist. Das hat das Wahlergebnis in den Niederlanden gezeigt und momentan gilt das wohl auch fรผr Frankreich. Es gilt aber nur fรผr dieses Jahr. Denn richtig verschwinden wird das Risiko nur, wenn die neugewรคhlten Regierungen in Europa, oder wenigstens in der Eurozone, die kommenden paar Jahre gut nutzen und eine positive Alternative fรผr die Anti-Europa-Stimmen bieten. Vielleicht heiรt es dann nach dem tatsรคchlichen Brexit in zwei Jahren โdes einen Leid und des anderen Freudโ.
Carsten Brzeski ist seit Mรคrz 2013 Chefvolkswirt der ING-DiBa. Er ist seit Anfang 2008 Mitglied des Research Teams der ING Bank und anerkannter Experte fรผr wirtschaftliche und politische Entwicklungen in Deutschland und Europa, einschlieรlich der Geldpolitik der EZB.

