Freitag, 17. April 2026
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DAX-Analyse: Alles halb so schlimm?

Die Rรผckkehr der Risikofreude bei den Anlegern fรผhrte zu einer deutlichen Erholung an den Bรถrsen. Auch DAX-Aktien waren gefragt, der Index nimmt den Widerstand bei 9.600 Punkten ins Visier.

Grรผnde fรผr die Rรผckkehr der Risikofreude gibt es einige: Vor allem hat der Anstieg beim ร–lpreis fรผr eine Entspannung der strapazierten Nerven gesorgt. Dazu kommt eine Erholung am chinesischen Aktienmarkt. Zwei der wichtigsten Sorgenkinder der internationalen Anleger bereiten aktuell also weniger Probleme. Der drohende EU-Austritt GroรŸbritanniens (Brexit) konnte die gute Laune (noch) nicht dรคmpfen.

Die Stimmung hat sich gedreht

โ€žRรผckkehr der Risikofreudeโ€œ klingt etwas technisch. Man kann es auch anders ausdrรผcken: Die Stimmung hat sich weiter von โ€žes droht eine Finanzkrise wie 2008โ€œ auf โ€žalles halb so schlimmโ€œ gedreht. Und wenn alles nicht ganz so schlimm wird, wie vor kurzem noch von den Pessimisten befรผrchtet, dann suchen die Anleger wieder nach Rendite. Aktien ermรถglichen diese Rendite, vor allem wenn die Zinsen fรผr Festgeld und Anleihen so niedrig bleiben wie aktuell. Die DAX-Werte beispielsweise bieten derzeit im Durchschnitt eine Dividendenrendite von 2,8 Prozent.

Deutsche Konjunktur schwรคcht sich ab

Die zuletzt verรถffentlichten Konjunkturdaten konnten allerdings nicht zur positiven Stimmung beitragen, sie lagen zumeist unter den Erwartungen. So wurde z.B. fรผr Februar ein รผberraschend deutlicher Rรผckgang bei den Einkaufsmanagerindizes in der Eurozone gemeldet. Vor allem Lage und Stimmung in der Industrie trรผbten sich ein. In Deutschland sank die Stimmung im verarbeitenden Gewerbe auf den tiefsten Stand seit 15 Monaten! Verantwortlich dafรผr sind in erster Linie die schlechteren Auslandsgeschรคfte, nicht nur in den Schwellenlรคndern. Die Kurserholung beim Euro lรคsst die Exporteure zudem weniger zuversichtlich in die Zukunft blicken. Auch der von der EU ermittelte Index des Verbrauchervertrauens rutschte krรคftiger als prognostiziert ab, und zwar von -6,3 auf -8,8.

Konsumenten zunehmend verunsichert

Letzteres kรถnnte bedeuten, dass wie von mir befรผrchtet die Turbulenzen an den Mรคrkten und der Absturz der Aktienkurse immer mehr auch die Konsumenten verunsichern. Die Flรผchtlingskrise dรผrfte ebenfalls zur Stimmungsverschlechterung beigetragen haben. Die konkrete Finanzlage der Verbraucher selbst kann jedenfalls dafรผr nicht verantwortlich sein, denn die Lage am Arbeitsmarkt und die Entwicklung der privaten Einkommen zeigen EU-weit im Durchschnitt nach oben.
An den Mรคrkten wurden aber die schwachen Konjunkturdaten beiseitegeschoben und zwar nicht, weil die Marktteilnehmer so unrealistisch sind, sondern weil durch den starken Kursrรผckgang an den Bรถrsen diese Konjunktureintrรผbung schon vorweggenommen worden war. Kommt jetzt alles nicht so schlimm โ€“ z.B. weil sich der ร–lpreis wieder erholt und weil sich Chinas Aktienmarkt stabilisiert โ€“ dann genรผgt dies als Grund fรผr eine Kurserholung.

Die Risiken bleiben bestehen

Die Gefahr einer Systemkrise bleibt aber bestehen. Systemkrisen zeichnen sich durch eine negative Eigendynamik aus, die kaum noch zu stoppen ist. In den ersten Wochen des Jahres haben wir einen Vorgeschmack darauf bekommen, was noch drohen kรถnnte. In drei Bereichen ist das Risiko von Kreditausfรคllen besonders groรŸ: 1. In der ร–lbranche in den USA. 2. In rohstoffexportierenden Schwellenlรคndern wie Brasilien, Nigeria, Russland und Sรผdafrika. 3. Bei chinesischen Firmen aus dem Immobilien- und Bausektor.

Eine neue Belastung: Der Brexit

Noch droht es nur am Horizont, aber ein mรถglicher EU-Austritt GroรŸbritanniens kรถnnte die allgemeine Verunsicherung an die Mรคrkte zurรผckbringen. Der britische Premierminister David Cameron stellte sich zwar als glรคnzenden Sieger des EU-Gipfels dar, aber auf der Insel nehmen ihm das offenbar nur wenige ab. Die britischen Medien haben die Brexit-Debatte sogar noch befeuert. Zu allem รœberfluss hat sich Londons populรคrer Bรผrgermeister Boris Johnson offen ins Lager der EU-Gegner geschlagen und damit seinem โ€žParteifreundโ€œ Cameron das Messer in den Rรผcken gestoรŸen. Gut mรถglich, dass durch sein Werben fรผr den Brexit der Austritt GroรŸbritanniens aus der EU deutlich wahrscheinlicher wird.

Abstimmung in GroรŸbritannien am 23. Juni

Laut Umfragen sind ein Drittel der Briten dafรผr, ein Drittel dagegen โ€“ der Rest ist noch unentschieden. Dass ausgerechnet der Londoner Bรผrgermeister sich fรผr den Brexit stark macht, entbehrt nicht einer gewissen Ironie. Keine Stadt auf der Insel profitiert so vom gemeinsamen Markt wie London und seine Finanzindustrie. Sicherlich kรคme es zu Abwanderungsbewegungen, wenn das Land nicht mehr EU-Mitglied wรคre. Die Profiteure wรคren Frankfurt und Paris. Doch Sie sehen schon, ich verwende sehr viel Konjunktiv. Hรคtte, kรคme, wรผrde โ€“ denn sicher ist nichts, weder ob es zum Brexit kommt, noch welche Folgen der genau nach sich ziehen wรผrde. Selbst eine Abspaltung Schottlands kรถnnte dann wieder auf die Agenda kommen. Diese Unsicherheit ist Gift fรผr die Mรคrkte. Vor allem das britische Pfund dรผrfte hierdurch belastet werden. Bei der Bank of England herrscht daher schon Alarmstimmung. Ob sich der Theaterdonner der Politik am 23. Juni in einer Explosion entlรคdt, mรผssen wir abwarten, fรผr Unsicherheit an den Mรคrkten sorgt er allemal.

DAX: Charttechnik deutlich positiver

Der DAX hat mit dem Anstieg รผber den Widerstand bei 9.330 Punkten in der letzten Woche auch den steilen kurzfristigen Abwรคrtstrendkanal nach oben verlassen. Besonders positiv: Am Freitag wurde nochmals die 9.330-Punkte-Marke als Unterstรผtzung bestรคtigt. Auch die charttechnischen Indikatoren zeigen nach oben: Nachdem zuerst der RSI ein Kaufsignal gegeben hatte, hat der MACD-Indikator ebenfalls nachgezogen und hat seine Signallinie รผberschritten (siehe rote Markierung im Chart). Der DAX steht aber nun im Bereich von 9.550/9.650 Punkten vor einer starken Widerstandszone. Hier verlรคuft auch die 38-Tagelinie.

Fazit

Die allzu negative Stimmung an den Bรถrsen hat sich gedreht, vorherige Kursรผbertreibungen nach unten werden korrigiert. Das heiรŸt aber nicht, dass die Belastungsfaktoren nun verschwunden sind. Die verschiedenen Krisenherde kรถnnen jederzeit wieder aufbrechen. Kurzfristig entscheidet der Widerstand bei 9.600 Punkten darรผber, ob sich die Kurserholung fortsetzt. Ein rascher Anstieg รผber diesen Resist wรคre ein positives Zeichen. Die Zwischenrallye dรผrfte allerdings bald an Schwung verlieren.

Stephan Bรถhm ist Geschรคftsfรผhrer bei der ATLAS Research GmbH und Chefredakteur bei DaxVestor.

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