„Servus, wie geht‘s?“ – „Mei, muss ja…“ Hinter diesem „Mei, muss ja…“ kann sich eine Harmlosigkeit verbergen, beispielsweise meine Erfahrung heute früh, als gleich alle drei Kaffeeautomaten ihren Dienst verweigerten. In diesem Fall reflektiert das „Mei, muss ja…“ nicht mehr als eine kurzzeitige Koffeinunterversorgung. Hinter „Mei, muss ja…“ kann sich jedoch auch mehr verbergen. Verzweiflung, Zukunftsängste. In diesem Moment kommt der Terminus „Defätismus“ ins Spiel. Im Zusammenhang mit harten Sparmaßnahmen bei einer öffentlich-rechtlichen deutschen TV-Anstalt sprach deren stellvertretender Chefredakteur jetzt von „zermürbendem Defätismus“ unter der Belegschaft. Wikipedia definiert „Defätismus“ mit der Überzeugung oder dem Gefühl, dass keine Aussicht auf Erfolg besteht. Wenn man also vom Defätismus befallen ist und irgendein Dahergelaufener kommt dahergelaufen und fragt beschwingt, wie es denn so gehe, was soll man denn da anderes antworten als „Mei, muss ja…“?

Punktueller Defätismus dürfte auch die heutigen Gespräche der Staats- und Regierungschefs der EU in Brüssel kennzeichnen. Eigentlich soll über wachstums- und beschäftigungsstimulierende Maßnahmen gesprochen werden. Aber wir, die wo in den Finanzmärkten das sekündliche Auf und Ab der Kurse verfolgen, sind natürlich viel mehr daran interessiert, welche Optionen es in der Griechenlandfrage noch gibt. Die Erfahrungen nach zwei Jahren Griechenlandkrise haben gezeigt: Die Wachstums- bzw. Schrumpfungsprognosen für das Land sind stets zu optimistisch. Damit sind die Annahmen über die Haushaltsentwicklung stets zu großzügig. Und damit sind die anvisierten Hilfspaketvolumina stets zu vorsichtig angesetzt. Im Juli letzten Jahres hieß es, ein zweites Stützungspaket für Griechenland hätte einen Umfang von 109 Mrd. Euro. Im Oktober waren es bereits 130 Mrd. Euro. Jetzt ist von 145 Mrd. Euro die Rede. Und dabei ist noch nicht mal berücksichtigt, ob der Privatsektor wie ursprünglich geplant einen Beitrag von rund 100 Mrd. Euro liefern kann.

Defätismus macht sich obderhalben breit. Neuester Vorschlag aus Berliner Koalitionskreisen: Für Griechenland wird aus Brüssel ein Haushaltskommissar entsandt. Dieser sei mit Vetorechten ausgestattet, um in Athen die von den EWU-Partnern diktierte Budgetpolitik durchzusetzen. Athen müsse akzeptieren, in diesem Bereich vorübergehend auf einen Teil seiner nationalen Souveränität zu verzichten. Konfrontiert mit dieser Idee und der Frage nach dem individuellen Wohlbefinden reagierten griechische Politiker entsprechend: „Mei, muss ja, aber des geht net.“

Auch die EU Kommission lehnt diese Idee angeblich rundweg ab. Gesprochen werden dürfte darüber heute trotzdem. Gesprochen wird auch weiter in Athen, wo die Verhandlungsführer zum gefühlt neunundneunzigsten Male zusammenkommen, um das gleiche Thema zu diskutieren: die Bankenbeteiligung (PSI). Ich habe gehörigen Respekt vor Menschen, die an einem Thema derart hartnäckig und ergebnislos verhandeln können.

Selten waren die Ergebnisse eines EU Gipfels am Gipfeltagmorgen derart umnebelt wie heute. Dennoch: An den Märkten ist der letztjährige Griechenland-Defätismus einem generellen Konjunkturoptimismus gewichen (dürfte diese Woche durch eine Reihe von PMIs und ISMs erneut untermauert werden). Man erfreut sich auch an zahllosen erfolgreichen Bondauktionen (heute kommt Italien mit einer neuen 5jährigen Anleihe). Und wie ein 4jähriges Kind auf den Weihnachtsmann starrt, so blicken die Anlageprofis auf Facebook und hoffen auf einen baldigen Börsengang des mit bis zu 100 Mrd. Dollar bewerteten Unternehmens. Angesprochen auf den französischen Alleingang bei der Transaktionssteuer oder die trüber werdenden Aussichten für die Zahlungsfähigkeit Griechenlands erntet man von diesen Marktteilnehmern nicht viel mehr als ein jetzt aufmunternd klingendes „Mei, es muss ja…“…

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Kornelius Purps ist Fixed Income Strategist bei der UniCreditBank AG.

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