Autorin: Ulrike Herrmann

Euro:9,99

288 Seiten, Einband

ISBN: 978-3-492-30568-6

Piper Verlag

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Die nicht nur von Occupy-Aktivisten gestellten Forderungen „Banken in die Schranken“ oder „Wir sind die 99 Prozent“ belegen eine wachsende Unzufriedenheit über die derzeitige Form des Kapitalismus. Konkreter benennen können die Wenigsten ihre Forderungen. Sie haben nur ein ungutes Gefühl, dass etwas nicht stimmt. Dies darf aber nicht als versteckter Ruf nach einer sozialistisch geführten Planwirtschaft missverstanden werden, denn im Gegensatz zum Begriff „Kapitalismus“ genießt „Marktwirtschaft“ einen guten Ruf. Das bestätigen demoskopische Umfragen permanent.

Kapitalismus ist nicht Marktwirtschaft

Marktwirtschaft ist etwas anderes als Kapitalismus. Während Letzterer gerne mit bösen und schlechten Konnotationen belegt wird, klingt Ersterer irgendwie kuschelig und romantisch und wird nur allzu gerne verklärt. Es klingt ein bisschen nach Bauernmärkten, bei denen Äpfel noch einzeln abgewogen werden und der neueste Tratsch und Klatsch aus der Nachbarschaft ausgetauscht wird. Nur, so Herrmann, entspricht dieses Bild schon längst nicht mehr der Realität. Ein freier Markt setzt voraus, dass alle Teilnehmer sich selbst überlassen werden und sie die wirtschaftlichen Folgen ihrer Entscheidungen tragen müssen. Dies trifft noch auf KMUs zu, nicht aber für große Konzerne. Sie haben so viel Macht, dass sie die Bedingungen ihrer Zulieferer und Kooperationspartner diktieren können. Mit Marktwirtschaft und einem freien Wettbewerb hat das nichts zu tun.

Kapitalismus ist die Vorstufe des Sozialismus

Diese angebliche Marktwirtschaft ist ein seltsames Phänomen, so Herrmann weiter. Bauern werden in hohen Maßen subventioniert und Großkonzerne unternehmen alles, um sich dem Wettbewerb nicht stellen zu müssen. Sie fusionieren, kooperieren und integrieren vertikal. Ein Außerirdischer, der die Erde besucht und sich mit dem Finanzsystem auseinandersetzt, müsste sogar glauben, so die kühne These von Herrmann, dass der Kapitalismus die unmittelbare Vorstufe vom Sozialismus sei.

Aus Fehlern der Vergangenheit lernen

Wie sagte schon der bekannte britische Historiker Niall Ferguson auf die Frage, ob Banken und andere große Unternehmen nicht auch Historiker einstellen sollten: „Das wäre bestimmt kein Fehler. Zumindest sollte Finanzgeschichte ein bedeutender Teil der Ausbildung an jeder Business-Schule sein. Das Wissen darüber ist zu wichtig, um es Spezialisten wie mir zu überlassen. Aber leider sind die typischen Leser finanzhistorischer Literatur pensionierte Banker. Es wäre besser gewesen, sie hätten diese Bücher früher gelesen.“
Geschichte mag sich im Allgemeinen nicht wiederholen. Es denkt schließlich niemand an die Wiedereinführung der Leibeigenschaft oder an die Abschaffung des Frauenwahlrechts. In der Wirtschafts-, Finanz- und Unternehmensgeschichte wiederholen sich dagegen Fehler dauernd und in kurzen Abständen. Dass Ulrike Herrmann in ihrem Werk auf die Geschichte eingeht, ist lobenswert. Dabei geht sie nicht nur der Frage nach, warum sich in früheren Hochkulturen, etwa im alten Rom oder in China, der Kapitalismus nicht durchsetzen konnte, sondern erörtert auch Fehler der jüngsten Wirtschafts- und Finanzgeschichte und die Rolle der Banken. Sie beginnt, wie sollte es anders sein, mit der Weltwirtschaftskrise ab 1929, geht über das Ende des Bretton-Woods-Systems und die ab 1980 einsetzende Deregulierung hin zur heutigen Wirtschaft. Besonders die Entscheidungen, die in den 1980er Jahren getroffen wurden, wirken bis heute nach und es lohnt sich allemal, über sie nachzudenken.

Netzwerken als Wettbewerbsverzögerung?

Herrmanns Argumente sind nicht ganz von der Hand zu weisen, manche stimmen durchaus. In einigen Punkten jedoch schießt sie mit ihrer Argumentation übers Ziel hinaus. Netzwerken erscheint bei ihr in keinem guten Licht, denn es verhindere Wettbewerb. Als konkretes Beispiel nennt sie die Harvard Business School (HBS) in Boston, die sich mit ihrer gigantischen Kontaktbörse rühmt, die über 78.000 Absolventen in 167 Ländern umfasst. Allerdings steht diese Kritik auf schwachen Füßen. Wem schaden denn Kontakte? Kontakte helfen, einen Fuß in die Tür zu bekommen, aber öffnen muss man sie selber. Wer nichts kann, dem nutzt auch keine Empfehlung und kein Netzwerk.

Bildnachweis: Piper Verlag
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Julian Achleitner war von 2014 bis 2016 Redakteur bei BANKINGNEWS.

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