Guten Morgen, heute ist Mittwoch, der 16. März 2011 !

  • Richtiger Rauch: Auch in der vergangenen Nacht gab es wieder Zwischenfälle in Fukushima
  • Westliche Winde: Luftströmungsbilder deuten auf eine günstigere Großwetterlage hin
  • Anziehende Aktien: Tokios Aktienmarkt erholt sich, andere Märkte sind relativ stabil

"Der Wind hat sich gedreht!" – Was außerhalb von Seglerkreisen in 99 Prozent der Fälle die metaphorische Umschreibung eines Stimmungswandels widerspiegelt, kann heute mal für bare Münze genommen werden. Die aktuelle Berichterstattung aus Japan zeigt eine normale, in west-östliche Richtung ziehende Luftströmung. Es ist, nebenbei gesagt, erstaunlich, wie viele Menschen behaupten, bei "Westwind" blase der Wind nach Westen. Aber vielleicht verwechseln diejenigen ja nur "West" mit "Ost". Also, zur Erinnerung nochmal die Eselsbrücke zum Merken der Windrose: "Nie ohne Seife waschen". Im Uhrzeigersinn. Wie, in Bayern laufen die Uhren andersherum?

Dies ist der neue Morgenrythmus eines Analysten und anderer Marktteilnehmer: Nach dem Waschen (mit oder ohne Seife) gilt das Augenmerk den Entwicklungen am Atomkraftwerk Fukushima in den letzten Stunden. In der vergangenen Nacht (unserer Zeit) gab es wieder Feuer, Rauchsäulen und zeitweise erhöhte Strahlung. Der zweite Blick geht auf die Windverhältnisse. Dies geht zum Beispiel hier. Demnach besteht in der kritischen Region eine recht stabile ostwärts gerichtete Luftströmung. Andere Quellen (zum Beispiel hier) prognostizieren für die kommenden Tage jedoch immer wieder zeitweilig nördliche Winde. Kommt der Wind aus Norden oder gar Nordosten, würde eine Atomwolke von der Kernkraftanlage direkt in Richtung des etwa 240 km entfernten Ballungsraums Tokio geblasen werden.

Erst der dritte Blick des mittlerweile geföhnten und gepuderten Marktteilnehmers geht auf die Marktentwicklung. Hier bietet sich die folgende Reihenfolge an: Nikkei (+5,7%!), USD-JPY (seit 18 Stunden weitgehend stabil um 80,80), Öl (Brent, fiel heute früh bis auf $107,30, was einem Rückgang um 7% seit dem Erdbeben vergangenen Freitag entspricht; aktuell: $108,60) und schließlich die 10-Jahres Treasury-Rendite, quasi als Kontrollgröße, ob man nicht doch irgendetwas übersehen hat (in den Morgenstunden nahezu unverändert bei 3,30%). Gestern gab es in zu dieser Zeit bei Aktienkurseinbrüchen um bis zu 15% und Renditerückgängen von 15 Basispunkten noch reichlich Schweißperlen auf der Stirn. Heute können wir das Marktbild schon deutlich entspannter aufsaugen – was nicht zuletzt daran liegen mag, dass sich der Wind gedreht hat.

Viele Marktteilnehmer versuchen nun verstärkt abzuschätzen, welche ökonomischen und markttechnischen Auswirkungen die Katastrophe von Japan haben wird – insbesondere für den nach Ansicht der meisten Beobachter wahrscheinlcheren Fall, in dem das Worst Case Szenario nicht eintritt. Aber die Argumentationsketten werden sehr schnell verworren: Die Stimmungsindikatoren (z.B. Ifo, ISM) werden höchstwahrscheinlich zurückgehen, was – bei positivem Verleuf der Dinge – jedoch nicht zwingend eine Trendwende darstellen muss. Die Marktstimmung könnte sich hingegen wieder aufhellen (wie heute früh zu beobachten). Die Handelsverflechtungen beispielsweise Deutschlands mit Japan erscheinen überschaubar (nur rund 2% unseres Handels wickeln wir mit Japan ab). Aber die indirekten Effekte (Handelsströme über Drittländer) dürften stärker sein. Hier und da könnte ein Bottleneck-Effekt auftreten. Als Beispiel wird gerne das iPad2 angeführt: Gerade auf den (amerikanischen) Markt gebracht, könnte es schon bald zu Lieferverzögerungen kommen, weil ein entscheidendes Speicherbauteilchen vorwiegend in Japan produziert wird. Aber, liebe Seifenduscher, ist die verspätete Lieferung eines iPad wirklich ein Thema, wenn in Japan ein halbes Dutzend Atomreaktoren brennen?

Insgesamt überwiegt der Eindruck, dass die zyklischen weltwirtschaftlichen Konjunkturauswirkungen überschaubar bleiben. Spannender wird es, wenn wir versuchen, die strukturellen, langfristigen Folgen abzuschätzen: Atomausstieg? Umstieg auf alternative (kurzfristig teurere?) Energieträger? Ein typisches Anne-Will-Thema – auch dort verfransen sich die Diskussionsteilnehmer ja gerne in unübersichtlichen Argumentationsketten. Unverändert bleibt – trotz um teilweise mehrere Meter verschobener Landmassen – die Regel "Nie ohne Seife waschen" – für Bayern: "Nie waschen ohne Seife".

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Dies ist ein humoristischer Marktkommentar und keine Anlageberatung. Die Einschätzungen des Autors beruhen auf Informationen, die auf öffentlich zugänglichen, als verlässlich eingeschätzten Informationsquellen basieren. Weitere Informationen finden Sie im Disclaimer.
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Kornelius Purps
Fixed Income Strategist
Director
MRE4FI
UniCredit Research

kornelius.purps@unicreditgroup.de

Kornelius Purps Corporate & Investment Banking
UniCredit Bank AG

www.unicreditgroup.eu

 

Foto von tobias machhaus www.istockphoto.de
Foto Purps und Logo UniCredit Bank von UniCredit Bank AG

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