Guten Morgen, heute ist Donnerstag, der 29. Juli 2010 !

  • Drei Millionen: Arbeitslosenzahl in Deutschland nähert sich von oben der kritischen Marke an
  • Sechs Tausend: Nach Stresstest stabilisieren sich die Märkte – DAX behält die 6.000er-Marke im Blick
  • Nullkommanull: Sämtliche Kursveränderungen sollten sich heute in engen Grenzen halten

Gestern erzählte ich an dieser Stelle, wie mir ein gewisser "Microsoft" die Überweisung von 615,810 Euro auf meine Telefonnummer anvisiert hat. Noch sind die Penunzen nicht angekommen, da freue ich mich bereits über den nächsten Geldregen. Dieses Mal schreibt ein gewisser Herr Gnaleko aus Gabun, er wüsste nicht wohin mit einer "Summe von zehn millionen, zwei hundert amerikanische Dollar (US$10,2 Millionen)". Diesen Betrag hätte sein Auftraggeber "vor dem Tod des ehemaligen Präsidenten El Hadj Omar Bango Odimba in diplomatischer Sicherheitsverwahrung eines Unternehmens in Europa" hinterlegt. Ich dachte bisher immer, das heißt "Bankschließfach". Nun gut, ich werde auch dem Herrn Gnaleko meine 22stellige Kontonummer samt 11stelliger Bankleitzahl übermitteln. Und wenn Herr G. mir dann per SMS an meine 33stellige Telefonnummer die Überweisung avisiert hat, nehme ich meine ec-Karte und heb am nächsten Geldautomaten alles auf einmal ab – durch Eingabe meiner neuen, EU-konformen 44stelligen Geheimzahl.

Mit dem ganzen Geld werde ich ein Unternehmen gründen (die "Bango Odimba GmbH") und vielen Menschen eine Arbeitsstelle bieten. Wenn ich denn überhaupt noch qualifiziertes Personal finde. Denn der deutsche Arbeitsmarkt ist ja praktisch leergefegt. Heute kommen die Arbeitsmarktdaten für den Monat Juli. Die Zahl von zuvor 3,153 Millionen Arbeitslosen wird sich voraussichtlich weiter der Marke von drei Millionen annähern. Weniger als 3 Mio. Arbeitslose dürften in der deutschen Medienlandschaft als ein Zustand der "Quasi-Vollbeschäftigung" betrachtet werden. Die Arbeitsmarktentwicklung ist ein Kernmerkmal der Outperformance Deutschlands innerhalb der Europäischen Währungsunion. Während EWU-weit die Arbeitslosenquote in den letzten zwölf Monaten um 6/10 Prozentpunkte gestiegen ist, ist sie in Deutschland um das gleiche Ausmaß gefallen – und das, obwohl die (offizielle) Quote hierzulande während Krise kaum angestiegen ist. Das Superhämoglobin des deutschen Arbeitsmarktes während der Rezession hieß "Flexibilität": Kurzarbeit, Zeitarbeit, Arbeitszeitkonten – mit diesen Instrumenten gelang es, die Auswirkungen der Rezession auf den deutschen Arbeitsmarkt deutlich abzumildern. Und jetzt? Anstatt dem Mittelstand für seine vorbildhafte Arbeitsmarktpolitik einen Stern in der "Hall of Labor Market Policy Fame" zu verleihen, hagelt es Kritik: Weil in der Krise so wenige Arbeitnehmer entlassen wurden, hinke Deutschland im Aufschwung bei der Zahl der Neueinstellungen hinterher, heißt es unverhohlen aus Analystenkreisen. Nein, DIESEN Schuh ziehe ich mir nicht an. Wir können über Ausmaß und Missbrauch von Zeitarbeit und Niedriglohnsektoren diskutieren; aber der Vorwurf, wir würden heute zu wenig Menschen einstellen, weil wir gestern zu wenig entlassen haben, der prallt an mir ab.

"Deutschland als Outperformer in der EWU" findet in der Medienlandschaft zunehmend Aufmerksamkeit. Die Stromleitungsausgabe der Wandstraßenillustrierten ("Wall Street Journal Online") widmete diesem Thema gestern gleich zwei Artikel. Für uns Marktbeobachter stellt sich die Frage, welche Auswirkungen es auf Zinsen und Währungen hat, dass Deutschland derzeit mit aufs Jahr hochgerechnet über vier Prozent wächst, in der Peripherie jedoch mit Rezessionen ähnlichen Ausmaßes gerechnet wird. Orientiert sich die EZB mit ihrer Leitzinspolitik eher an Deutschland? Das hieße wohl: Zinsanhebung noch vor Allerheiligen. Bislang sieht es danach überhaupt nicht aus. Aber wir sind sehr gespannt, ob und wie Jean-Claude Trichet die sich verstärkenden Anzeichen einer two-speed recovery in der Eurozone auf der EZB Pressekonferenz nächste Woche beurteilen wird. Mit Blick auf den Euro wirkt Deutschlands Boom kurzfristig sicherlich stützend. Die längerfristigen Risiken eines derart unausgeglichenen Wachstumsmusters für die Eurozone sollte man jedoch nicht ganz aus den Augen verlieren.

An den Märkten ist die Niveauverschiebung der Kurse im Nachgang zum Stresstest nun abgeschlossen. Das Beige Book der US Notenbank untermauerte gestern Abend die Befürchtungen, der Aufschwung in den USA flache sich zusehends ab. Mit dem deutschen Arbeitsmarktbericht als wichtigstem Datenpunkt sollten sich Renditen, Spreads und der Euro heute stabil zeigen. Das gibt mir Zeit und Gelegenheit, einen Business Plan für die Bango Odimba GmbH zu erstellen…

 

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Dies ist ein humoristischer Marktkommentar und keine Anlageberatung. Die Einschätzungen des Autors beruhen auf Informationen, die auf öffentlich zugänglichen, als verlässlich eingeschätzten Informationsquellen basieren. Weitere Informationen finden Sie im Disclaimer.
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Kornelius Purps
Fixed Income Strategist
Director
MRE4FI
UniCredit Research

kornelius.purps@unicreditgroup.de

Kornelius Purps Corporate & Investment Banking
UniCredit Bank AG

www.unicreditgroup.eu

 

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© Foto Purps und Logo UniCredit Bank by UniCredit Bank AG
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Kornelius Purps ist Fixed Income Strategist bei der UniCreditBank AG.

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