th – Deutschland ist overbanked.

Nur das Logo der Deutschen Bank lässt es vermuten: Q110 die

Filiale der Deutschen Bank auf der Friedrichstrasse in Berlin.

Bildquelle: www.deutsche-bank.de

 

Immer noch. Gemessen an der Zahl der Banken pro Kopf hat die Bundesrepublik die vierthöchste Bankendichte in Europa, obwohl die Zahl der Banken in Deutschland in den vergangenen zehn Jahren um rund 40 % auf aktuell gut 2.000 Geldinstitute zurückgegangen ist. Triebfeder der Konsolidierung ist dabei vor allem der genossenschaftliche Sektor gewesen. Auch im benachbarten Ausland zeigen sich ähnlich starke Konzentrationstendenzen: In Frankreich schrumpfte die Zahl der Banken zwischen 1997 und 2006 um 34 %, in den Niederlanden sogar um 47 %. Zum Aderlass wurden aber nicht nur die Institute selbst, sondern auch deren Filialen gebeten. Nach einer vorübergehenden Erhöhung der Anzahl der Zweigstellen im Zuge der deutschen Wiedervereinigung Anfang der 90er Jahre sanken diese Zahlen kontinuierlich, besonders in Westdeutschland. Aktuell zählt die Deutsche Bundesbank abermals knapp 500 Zweigstellen weniger als im Vorjahr. Die meisten Filialen gibt es weiterhin im öffentlich-rechtlichen Sektor: Landesbanken und Sparkassen verfügen über einen Anteil von 35,4 Prozent, rund ein Prozent weniger als im Vorjahreszeitraum. Der Anteil der Genossenschaftsbanken reduzierte sich ebenfalls erheblich und beträgt noch 31,3 Prozent.

Eintagsfliege oder eine Strategie mit Zukunft?

Die Gründe sind relativ einfach: Zu hohe Bankendichte und zu niedrige Zinsmargen werden in schöner Regelmäßigkeit für die Probleme des deutschen Finanzsystems verantwortlich gemacht. Und ohne Zweifel haben die deutschen Privatbanken in Reaktion auf die starke inländische Konkurrenz bei den traditionellen Bankprodukten neue und auch deutlich profitablere Geschäftsfelder aufgebaut: Beratungsgeschäft, Vermögensverwaltung und Emissionsgeschäft. Und dennoch zeichnet sich in den letzten Monaten ein Strategiewechsel ab, erleben wir offenbar die Renaissance des Filialkonzepts. Die Deutsche Bank nennt sie Q110, auf dem Flughafen Frankfurt heißt sie SEB-Lounge und bei der Raiffeisenbank im Nachbarort mutiert die Zweigstelle zum „Finance Meeting Point“ mit Bankshop und Reisebüro. „Die Filiale vermittelt dem Kunden die Kompetenz seiner Bank“, so Dr. Hans-Martin Kraus, Mitglied der Geschäftsleitung der Deutschen Bank, im Rahmen der BANKINGLOUNGE in Frankfurt. Die Wiedergeburt des Filialbankings sei eigentlich eine logische Konsequenz. Die neue Filiale präsentiere keine Abkehr vom Multikanalbanking, sondern die konsequente Integration von Online- und Offline-Banking. Auch der Online-Kunde müsse seine Bank in der Filiale wiedererkennen können, meint Kraus.

Bankgeschäfte, Latte Machiatto oder beides? Wer die Wahl hat,

hat die Qual am in der SEB-LOUNGE am Frankfurter Flughafen.

Bildquelle: SEB Bank AG

Schon machen Experten eine Trendwende aus. In zwei bis drei Jahren könnte jede 10. Filiale eine Zweigstelle mit innovativem Filialkonzept sein, zumal die Kosten einer Neugestaltung heute nicht mehr die Dimensionen aus Zeiten schweren Marmors und teuren Kirschbaums einnehmen. „Eine Filiale muss dem Bedarf des Kunden folgen“, so Dieter Licht, Leiter Future Store & Efficient Consumer Response (ECR) bei der METRO Group. Eine in der Zukunft erfolgreiche Filiale richte sich am Zielpublikum in der jeweiligen Region aus. Die Konsumgüterbranche habe in den letzten Jahren eine Menge Know-how im Filialbetrieb von Retailstützpunkten aufgebaut, das sich die Bankbranche durchaus aneignen könne, so Licht. Insbesondere im Konsumgüterbereich sind derzeit zwei Trends deutlich ablesbar. „Zum einen erhöht sich die Zahl convenience-orientierter Fachgeschäfte, zum anderen profitieren deutlich abgegrenzte bzw. gut positionierte Nischenanbieter“, erklärt Marco Atzberger, Leiter Auftragsforschung beim EHI Retail Institute.

„Convenience-orientiert“ bedeutet für die Bankenlandschaft ein Filialbereich mit professioneller Kinderbetreuung, eine Wohlfühlecke mit Kaffeebar oder ein ausgewähltes Angebot bankfremder Produkte. Doch damit einher gehen muss auch eine geänderte Kommunikationsstrategie. „Dies ist auch dringend nötig. Das klassische Modell hat ausgedient“, weiß Prof. Dr. Dominik Georgi, Professor für Retail Banking und Dienstleistungsmanagement an der Frankfurt School of Finance & Management. Die Kunden kaufen eine Rente in einer bestimmten Höhe, die ab dem 65. Lebensjahr auf ihr Konto fließen soll, und nicht die Riesterrente, erklärt Georgi. Auch hier sei die Deutsche Bank in Berlin mit ihren Mitarbeitern im Quartier 110 Vorreiter gewesen und habe Produkte greifbar gemacht, indem die Finanzprodukte in Blechdosen verpackt wurden. Nun liegen die Sparbücher nicht mehr anonym in einer Schublade hinter dem Tresen, den es ohnehin nicht mehr gibt, sondern stehen für den Kunden sichtbar in den Regalen der Filiale. Ergebnis: Signifikantes Neugeschäft.

Auch der zweite Trend zur Nische macht sich im Filialgeschäft der Bankbranche bemerkbar. So fokussieren Verbraucherkreditinstitute wie Fortis, Migros Bank oder Norisbank mit auffälligen und grellen Filialen in hochfrequenten Citybereichen ihre Zielgruppen und erreichen mit diesem Konzept mitunter einen Neukundenanteil von 50 % und mehr. Besonders beliebt sind Läden in die großen Shopping-Malls, die eine Frequenz an Laufkundschaft erzielen, die anderswo nicht zu erreichen ist.

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Thorsten Hahn, Jahrgang 1967, ist Gründer und Geschäftsführer der BANKINGCLUB GmbH. Der Profinetzwerker zählt auf Plattformen wie XING und Linkedin zu den Nutzern mit der besten Vernetzung in die Finanzbranche. Wie kein Zweiter versteht er dieses Netzwerk zu nutzen und auch anderen zugänglich zu machen. Außerdem ist der erfahrene Banker und Diplom-Kaufmann Herausgeber der BANKINGNEWS, welche 10 Jahre lang als Onlinemagazin und seit Sommer 2014 als Printzeitung (7.500 Empfänger) erscheint, sowie Autor verschiedener Fachbücher und Buchbeiträge.

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