Die Würfel sind gefallen

„Alea iacta est!“ Die Ergebnisse des Stresstests der Europäischen Zentralbank sind da. 130 Banken mussten ihre Bilanzen auf den Tisch legen und ihre Kapitalquote bemessen lassen. Genaue Aussagen können trotzdem erst in Wochen, wenn nicht sogar Monaten getroffen werden. Der Blick auf die Fakten lohnt jedoch allemal.

„Geschafft!“ So, oder zumindest so ähnlich denken wahrscheinlich alle Banker, deren Häuser sich dem Stresstest unterziehen mussten, den die Europäische Zentralbank in den letzten Monaten durchführte. Für deutsche Kreditinstitute steht laut aktueller Ergebnisse eine versöhnliche Weihnachtszeit bevor: alle getesteten Institute konnten der Überprüfung ihrer Kernkapitalquote standhalten. Die Würfel sind nun gefallen.

Italien – The Biggest Loser

Betrachtet man die Ergebnisse, die der Öffentlichkeit seit dem 27. Oktober zugänglich sind, dann fallen neben dem positiven Ergebnis deutscher Banken auch die Verlierer des Stresstests auf – hier ist eine hohe Zahl südeuropäischer Geldhäuser gemeint, was aufgrund vergangener und gegenwärtiger politischer Probleme keine Besonderheit darstellen sollte. Italien entpuppt sich hier als „Biggest Loser“. Von 14 getesteten Banken sind neun durchgefallen. Das größte Kapitalloch findet sich bei Monte die Paschi; sage und schreibe zwei Milliarden Euro! Wahrlich, das ist eine Hausnummer. Allerdings steht Rom nicht alleine schlecht da: Die Hellenic Bank aus Zypern, die Eurobank und die National Bank in Griechenland kommen ebenfalls mit teilweise katastrophalen Ergebnisse daher. Trotz dieser Totalausfälle fehlen den bedrohten Geldhäusern nur rund zehn Milliarden Euro und das ist weniger als zunächst befürchtet. Gute Nachrichten also für die Finanzbranche!

Ergebnisse stärken das Vertrauen der Öffentlichkeit – oder?

Die Durchführung des Tests hatte sicherlich mehrere Hintergründe. Auf der einen Seite wollte die EZB definitiv jene Häuser untersuchen, deren Aufsicht sie ab November übernimmt. Auf der anderen Seite gingen Draghi und Konsorten bestimmt nicht von einer Durchfallquote von 90 Prozent aus, so dass man größtenteils mit positiven Ergebnissen aufwarten konnte. Aber stärken die Ergebnisse das Vertrauen der Öffentlichkeit, wie es EZB-Vize Vitor Constancio prognostizierte? Ein wirklicher Ruck scheint nicht durch die Landen gegangen zu sein, weder im positiven noch im negativen Sinne. Man könnte sogar etwas polemisch formulieren: alles wie immer! Als Auflage gilt nun für die durchgefallenen Einrichtungen, dass sie bereits 14 Tage nach der Bekanntgabe der Ergebnisse einen Plan für die Schließung der Kapitallücken aufstellen mussten. Folglich war der Stress mit dem Stresstest noch lange nicht vorbei. Es gilt, Risiken zu senken oder alte und neue Investoren nach finanzieller Unterstützung zu fragen. Aber lang ist die Liste an Möglichkeiten nicht.

Banken nehmen den Test ernst

Viel wurde in den Medien über die Ausgänge des Tests spekuliert und theoretisiert. Festhalten lässt sich in jedem Fall, dass die Banken die Durchleuchtung ihrer Bilanzen durchaus ernst genommen haben – sicherlich auch aus Gründen der eigenen Publicity. Ein finales Bild kann aber erst in einigen Wochen wenn nicht sogar Monaten, gezeichnet werden, da die Berichte nicht gerade die Seitenzahlen eines „Lustigen Taschenbuchs“ besitzen, sondern ein viel intensiveres Studium erfordern. Trotzdem formuliert jetzt schon jeder halbwegs angesehene Finanzexperte den dringenden Appell, dass die Banken mittelfristig ihr Kapital erhöhen müssten. Schließlich habe man gewisse Szenarien – etwa eine potenzielle Deflation – im Test gar nicht berücksichtig, was wiederum die Aussagekraft der Ergebnisse einschränkt. Die Risiken, welche die Banken mit ihren Investments eingehen, müssen auf Kurz oder Lang für kleinere Unternehmen zurückgefahren werden. So ernst, wie die Banken diesen Test genommen haben, so nachhaltig müssen sie nun für die Zukunft vorbeugen, dass ein erneuter Knall nicht zu einer globalen Depression führt. In Geldfragen reagiert der Bürger nun mal empfindlich. Wo wir gerade von Geld sprechen: Ironischerweise kostet der Stresstest an sich bereits hunderte von Millionen Euro. Das nennt man dann wohl Investment mit geringem Risiko.

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Christian Grosshardt, Jahrgang 1986, verfügt über mehr als sechs Jahre Berufserfahrung in Print- und Online-Journalismus. Während seines Studiums der Germanistik, das er mit dem Master of Arts abschloss, sammelte er bereits umfangreiche redaktionelle Erfahrungen als freier Mitarbeiter bei der Kölnischen Rundschau. Christian Grosshardt betreut BANKINGNEWS seit der ersten Printausgabe und ist seit August 2016 stellvertretender Chefredakteur.

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