Wรคhrend sich im Grandhotel Hessischer Hof in Frankfurt eine sรผdkoreanische Delegation auf das jรคhrliche Treffen der Asian Development Bank einstimmte, fanden sich im Nebenraum zahlreiche Risikomanager aus Banken und Unternehmen ein. Das Ambiente wurde der elaborierten Expertenrunde mehr als gerecht, welche รผber eine Stunde eine spannende Diskussion fรผhrte. Roland Stamm, Partner bei Quaternion Risk Management, zeichnete verantwortlich fรผr die inhaltliche Gestaltung des Abends und leitete die Diskussion. Diese entwickelte schnell eine Dynamik, die sowohl von รผbereinstimmenden als auch gegenlรคufigen Analysen der aktuellen Situation in der Risikomodellierung geprรคgt war.
Ausgangspunkt der Podiumsdiskussion war die Feststellung, dass sich Banken einerseits durch XVA und interne Modelle mit immer aufwendigeren Simulationen und immer komplexeren Modellen konfrontiert sehen, und andererseits die Regulatoren einen Trend in Richtung Standardansรคtze vorzugeben scheinen. In diesem Zusammenhang sollte ein Ausblick darauf gewagt werden, ob die Risikomodellierung in Zukunft eher durch Innovation oder stรคrkere Standardisierung geprรคgt sein wird.
Verbesserungswรผrdige Verstรคndigung zwischen Banken und Regulator
Christian Fries, Head of Model Developement bei der DZ Bank, verwies auf das grundsรคtzliche Problem, dass Standardansรคtze in vielen Fรคllen nicht in der Lage seien, die Risiken einer Bank adรคquat abzubilden. Ein Beispiel hierfรผr sei die Forderung, in jedem Fall eine einzige gรผltige Zahl als Bewertung zu Grunde zu legen. Gleichzeitig variiere diese Grรถรe jedoch, je nachdem wer sie berechnet und zu welchem Zweck. Daher gelte es vor allem, die Diskrepanzen zwischen Accounting und Marktrealitรคt so gut es geht auszuschalten.
Dirk Schubert, Partner Audit bei KPMG, war der Auffassung, dass die Verstรคndigung der Banken mit dem Regulator auf Modellansรคtze ein unumgรคnglicher Weg sei, der sich jedoch als ein sehr steiniger herausstellen kรถnnte. In diesem Kontext erkannte Patrick Bรผchel, Head of Market Risk Structured Finance bei der Commerzbank, zusรคtzlich das Problem der langwierigen, politisch gesteuerten Entscheidungsfindung. Dabei treffe diese Erkenntnis den Kern eines grundsรคtzlichen Problems: In Basel trรคfen sich viele Regulatoren mit ebenso vielen Prioritรคten und Lรถsungsvorschlรคgen. Am Ende der Verhandlungen stehe dabei immer ein groรer Kompromiss โ der kleinste gemeinsame Nenner. Nun kรถnnte man behaupten, dass dies eben das Charakteristikum demokratischer Beschlussfassung sei. Ein schwacher Trost โ gerade im Hinblick auf die Schnelllebigkeit des Marktes und der zu bewertenden Produkte.
Von Bankenseite fehle es darรผber hinaus oft auch an Vorschlรคgen zu umfassenden Modellen. Stattdessen wรผrden โ verstรคndlicherweise โ sehr detaillierte Entwรผrfe vorgelegt, welche die Schwerpunkte des eigenen Portfolios abbildeten. Daher sei es laut Schubert angeraten, ein effektiveres Kommunikationsmodell zwischen Banken und Regulierung zu schaffen, welches den Entscheidungsprozess erleichtern kann.
Roland Stamm warf in der Folge die Frage auf, ob Value Adjustments tatsรคchlich reale Grรถรen darstellten oder eher einen Versuch groรer Banken, dem Rest des Marktes durch Komplexitรคt und damit mangelnde Transparenz aufzuzwingen. Christian Fries war der Ansicht, dass Value Adjustments selbstverstรคndlich Berรผcksichtigung finden mรผssten. Grundsรคtzlich widerstrebe ihm aber das Prinzip, diese realen Kosten als Anpassungen an einen Preis oder eine Bewertung anzusehen, der damit ja automatisch als falsch entlarvt werde, sondern sie vielmehr gleich richtig in der Bewertung zu berรผcksichtigen.
Neue Geschรคftsfelder durch Regulierung?
Im weiteren Verlauf lenkte Jรถrg Kienitz, Adjunct Associate Professor an der University of Cape Town, die Diskussion auf die Sinnhaftigkeit, Trades einzeln oder im Portfolio zu bewerten, wobei sich ein Konflikt zwischen der rechtlichen und der praktischen Komponente herauskristallisierte.
Uneinigkeit herrschte schlieรlich in dem Punkt, ob Regulierung und Modellierung auch eine Chance zur Entwicklung neuer Geschรคftsfelder in sich tragen. Den Beteiligten wird sich die Gelegenheit bieten, dieser Frage weiter auf den Grund zu gehen. Und zwar bei der in Dรผsseldorf stattfindenden Neuauflage der Abendveranstaltung.
Philipp Scherber war von Januar 2016 bis Oktober 2019 Redakteur bei BANKINGNEWS und bekleidete anderthalb Jahre die Funktion des stellvertretenden Chefredakteurs. Wรคhrend seines Studiums der Geschichte und Medienwissenschaft sammelte er praktische Erfahrungen im TV- und Online-Journalismus. An der Universitรคt zu Kรถln verantwortete er von 2012 bis 2016 das Online-Rezensionsjournal www.lesepunkte.de.

