Guten Morgen, heute ist Donnerstag, der 10. Juni 2010 !

  • EZB vs. Märkte: Jean-Claude Trichet ist gefordert, Einzelheiten zum SMP und zur Exit Strategy zu liefern
  • USA vs. Griechenland: Ben Bernankes warnende Worte gegenüber der US Finanzpolitik
  • Rauf vs. Runter: Märkte im Wechselbad der Gefühle

    Der Ton wird rauer in der deutschen Bundespolitik – zur Freude des unvoreingenommenen Beobachters. Zwischen Sparpaket, Gesundheitsreform, Opel-Hilfen und Bundespräsidentenwahl verlieren einige Volksvertreter ihre Contenance. "Wildsau" heißt es aus der FDP in Richtung CSU, "Gurkentruppe" scherbelt es aus der CSU zurück. "Rumpelstilzchen" mischt sich die CDU in Richtung CSU ein. Die Presse beobachtet feixend die "Krawall-Koalitionäre" (Spiegel) und beteiligt sich selbst am heiteren Wortspiel, indem sie das Sparpaket als "Windbeutel" (SZ) und die verbalen Erläuterungen dazu als "Sprachbeutel" (dito) abkanzelt.

    Ach, was sind wir Marktteilnehmer im Vergleich dazu doch vorsichtig und genügsam. Oder können Sie sich vorstellen, dass der EZB-Rat als "Gurkentruppe", der Vorsitzende Trichet als "Wildsau" und seine Äußerungen als "Sprachbeutel" verurteilt werden? Nein, wir gehen respektvoll miteinander um und unterstellen grundsätzlich, dass die europäischen Währungshüter ihr Entscheidungen stets in der Überzeugung fällen, diese würden zum Erreichen ihrer Ziele förderlich sein. Schwache Konjunktur bei nicht erkennbarem Inflationsdruck? Die EZB entscheidet, den Leitzins auf historisch niedrigen 1% zu belassen. Applaus. Austrocknende Geldmärkte? Die EZB entscheidet, eigentlich bereits beerdigte Liquiditätsmaßnahmen wiederzubeleben. Applaus. Kollabierende Zinsmärkte? Die EZB entscheidet, durch den selektiven Kauf von Staatsanleihen stabilisierend einzugreifen. Applaus. Der jedoch von Pfiffen gestört wird und schnell wieder abebbt. Die Marktteilnehmer respektieren, dass die EZB zähneknirschend ein für ihre Maßstäbe eher außergewöhnliches Instrument aus der Taufe gehoben hat. Aber es herrscht Unzufriedenheit über die Geheimniskrämerei, mit welcher die Zentralbank jenes Programm durchführt. Das Wall Street Journal fasst in einfachen Worten das zusammen, was die Marktteilnehmer heute von ihrem obersten Währungshüter erwarten: "Details, Details." Für diejenigen unter Ihnen, die sich intensiv auf die heutige EZB Pressekonferenz um 14:30h vorbereiten möchten, hier alle action items, welche es abzuhaken gilt:
     

  • Details, Details zum Securities Markets Program (SMP).
     
  • Details, Details zur Exit Strategy (am 1. Juli wird der 442-Mrd.-Euro-Tender fällig).
     
  • Details, Details zum Wachstums- und Inflationsausblick (Erwartung: 2010 leicht rauf, 2011 unverändert)

Wo wir gerade bei Zentralbanken sind: auch von der US Notenbank erwarten wir allmählich Details, Details zu ihrer Ausstiegsstrategie. Ben Bernanke sprach gestern vor dem US Haushaltsausschuss, hielt sich hinsichtlich der Exit Strategy jedoch vollkommen bedeckt. Kurzfristig sind also keine Maßnahmen zum Abzug überschüssiger Dollar-Liquidität zu erwarten. Stattdessen zog Bernanke einen gewagten Vergleich: Ohne eine fiskalpolitische Exit Strategy bestünde die Gefahr einer Entwicklung "wie in Griechenland". Hoppla, wenn ich die USA als nächstes Griechenland bezeichnen würde, dürfte ich meine Impressionen fortan aus Guantanamo heraus schreiben.

An den Märkten blieben Bernankes Griechenland-Einlassungen ohne Folgen. Ohnehin hatte man gestern über weite Strecken des Handelsgeschehens den Eindruck, das rumpelstilzchenartige Getrampel der vorangegangenen Tage hätte es nie gegeben. Super-feste Aktien, EUR-USD auf Erinnerungsbesuch oberhalb von 1,20 und sogar steigende Renditen im Triple-A-Universum. Hauptgrund für diesen Anfall von Euphorie waren Gerüchte über starke Export-Zahlen aus China (heute früh veröffentlicht mit +48,5% ggü. Vj.) und eine gut laufende Bond-Auktion in Portugal. Ein zurückhaltender Beige Book-Bericht der Fed (überall Wachstum, aber nur moderat) und zunehmende Sorgen um den Ölgiganten BP sorgten gen Abend jedoch für eine Stimmungsumkehr. US Aktien schlossen im Minus, allerdings steht der S&P Future für heute im Plus. Alles in allem "gemischte Vorgaben" für die europäischen Märkte. Wahrscheinlich cruisen wir bis zur EZB Pressekonferenz ziellos umher. Doch dann gilt es: Mehr Details zum SMP sollten den Euro und die Peripherie-Zinsmärkte stützen. Eine verzögerte Exit Strategy hingegen dürfte den Euro belasten und die Bundesanleihen stützen. Beides zusammen führt entsprechend zu Gurkenmärkten…

Kornelius Purps

Fixed Income Strategist – Director
UniCredit Research

Corporate & Investment Banking
UniCredit Bank AG

© Foto by Dmitriy Shironosov – www.istockphoto.com

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