Guten Morgen, heute ist Donnerstag, der 26. Januar 2012 !

Ich muss nochmal auf das gestrige Zahnarztthema zurückkommen. Ein aufmerksamer Leser machte mich darauf aufmerksam, dass das, worum Griechenland und dessen Gläubiger seit Monaten feilschen, von der Büroklammern schwingenden Zahnärzteschaft schon längst angeboten wird: ein PSI. Beim Paradontalen Screening Index wird in einem Zähne-Stresstest festgestellt, ob ein Patient an Paradontitis leidet. Unter anderem wird dazu mit einer speziellen Paradontalsonde (sieht aus wie eine in einen Bleistift gesteckte Büroklammer) die Tiefe der Zahnfleischtaschen gemessen. Übertragen auf die Verhandlungen in Athen bedeutet das: Erst muss mit einer Staatspräsidentalsonde die Tiefe der Steuerhinterziehertaschen gemessen werden, dann gibt es (möglicherweise) Schuldenerlass von den Gläubigern.

Mit Büromaterial im Backenzahn und Heftklammern in der Schläfe ist mir dabei gestern allerdings ein kleiner Patzer unterlaufen, den ich gerne korrigieren möchte. Es geht um die Höhe des Kupons, welchen die neuen griechischen Anleihen nach dem 50%igen Schuldenschnitt tragen sollen. Die Banken wünschen mindestens 4%, Griechenland sowie die vom Schuldenschnitt verschonten öffentlichen Gläubiger streben eher einen Kupon von 3,5% oder weniger an. Je höher der Kupon, desto schwieriger wird es für Griechenland, seine Staatsschulden auf ein langfristig tragfähiges Niveau (sprich: max. 120%/BIP) zu senken. Insofern wird von staatlicher Seite natürlich ein 4%-Kupon abgelehnt (und nicht, wie ich gestern irrtümlicherweise konkludierte, ein 3,5%-Kupon).

Ob die staatlichen Gläubiger tatsächlich von einem Schuldenschnitt verschont bleiben, wird indes immer fraglicher. Sollten sich zu wenige private Gläubiger am Paradontalen Screening Index (PSI) beteiligen, so Frau Lagarde vom IWF, müsse auch eine Beteiligung der öffentlichen Gläubiger am Schuldenschnitt in Betracht gezogen werden. Angesprochen ist hier in erster Linie die EZB, welche bei einer Nichtteilnahme am PSI nicht nur keinen Verlust macht, sondern aufgrund der weit unter Par erworbenen Papiere sogar einen veritablen Gewinn einfährt. Dementis von allen Seiten, aber die Diskussion hat mal wieder eine neue Dimension erreicht.

Ihre gesunden Zähne zeigt derweil die deutsche Konjunktur. Der GfK Index zeugte heute früh von verbesserter Stimmung unter den Konsumenten, und der Ifo Index ist tatsächlich das dritte Mal in Folge angestiegen. Aufschwung, du kannst kommen. Wir sind bereit. Das Ifo-Pendant in den USA, der ISM Index, ist zwar nicht 3x in Folge angestiegen, aber immerhin 3x in den letzten vier Monaten. Dennoch sieht die US Notenbank kaum ein Licht am Horizont. Der Leitzins werde wohl bis Ende 2014 nicht angehoben werden, sagte die Fed (zuvor hieß es bis Mitte 2013), nachdem die Notenbanker zuvor ihre Konjunktureinschätzung in wichtigen Teilen abgeschwächt hatten. Erstmals wurden auch (anonym) die Erwartungen der einzelnen FOMC-Mitglieder hinsichtlich der weiteren Leitzinsentwicklung veröffentlicht. Von Einigkeit keine Spur: drei Mitglieder sehen die erste Zinsanhebung bereits in diesem Jahr, drei im nächsten, fünf in 2014, vier in 2015 und zwei gar erst in 2016.

Insgesamt fielen die Einschätzungen aus der Washingtoner Gelddruckzentrale pessimistischer aus als im Markt erwartet. Die Renditen fielen, Gold- und Aktienkurse stiegen in Erwartung von noch länger noch mehr noch billigerer Liquidität an. Dennoch, die Anlegerschaft ist nach dem furiosen Start ins Jahr etwas vorsichtiger geworden. Grund hierfür sind die stockenden Verhandlungen in Athen sowie aufkommende Zweifel hinsichtlich Portugal. Bei Zinsen von 15-20% und Triple-Junk-Rating erscheint die geplante Rückkehr an die Kapitalmärkte Mitte 2013 nach Einschätzung etlicher Anleger eher unwahrscheinlich – was uns direkt in eine wohlbekannte Diskussion über ein Rettungspaket II und einen möglichen teilweisen Schuldenerlass des Privatsektors führt. Alleine der Gedanke daran bereitet mir jetzt schon Zahnschmerzen…

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Kornelius Purps ist Fixed Income Strategist bei der UniCreditBank AG.

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