Was sich an einem Wochenende nicht alles ändern kann. Plötzlich sprechen wir über Themen, die bis zuletzt noch ein absolutes Tabu darstellten. „Wohin fahrt ihr in den Winterurlaub?“ ist so eine Frage, mit der Besonderheit, dass sie sich auf das verlängerte Vatertagswochenende bezieht. „Hat Bayern schon mal fünf Tore in einem Finale kassiert?“ ist auch so eine Frage der Neuzeit. „Was kostet uns ein Austritt Griechenlands aus der Währungsunion?“, ist jetzt zwar nicht eine zum ersten Mal gestellte Frage, aber mit einem Mal scheint es hoffähig zu sein, entsprechende Überlegungen anzustellen.

EZB Direktoriumsmitglied Jörg Asmussen eröffnete die Diskussion am vergangenen Mittwoch mit der Aussage, „Griechenland muss klar sein, dass es zu dem vereinbarten Sanierungsprogramm keine Alternative gibt, wenn es Mitglied der Eurozone bleiben will“. Deutlicher wurde Finanzminister Wolfgang Schäuble am Freitag. Demnach seien die Ansteckungsgefahren für andere Länder der Eurozone geringer geworden, die Eurozone insgesamt widerstandsfähiger. Beim Chef des Rettungsschirms EFSF, Klaus Regling, hörte sich das wenige Tage zuvor noch ganz anders an, als er für den Fall eines Austritts Griechenlands aus der Eurozone von „erheblichen Konsequenzen“ für die anderen EU-Länder sprach. Der Präsident des Europäischen Bankenverbandes (EBF), Christian Clausen, wiederum gibt sich relativ entspannt: „Wir haben jetzt ein Niveau erreicht, wo das ohne größere Rückwirkungen für den Rest Europas passieren könnte“. EZB Ratsmitglied Patrick Honohan stellte medienwirksam ebenso entsprechende Überlegungen an wie Jens Weidmann. Auch in der Bundesregierung werden entsprechende Pläne gehandelt, erläuterte Schäuble, ansonsten wäre das ja eine „komische Regierung“, wird der Finanzminister zitiert.

Analysten und Magazine beeilen sich entsprechend, Berechnungen über die möglichen Kosten eines Austritts Griechenlands aus der Währungsunion anzustellen. Für Deutschland addierten sich Abschreibungen auf Kredite an Griechenland aus den verschiedenen Rettungspaketen, auf Staatsanleihebestände bei der EZB, den Landesbanken oder der HRE Bad Bank sowie im Zuge des Target2 Mechanismus auf 66 bis 86 Milliarden Euro. Schon gibt es Überlegungen, die Bestände griechischer Staatsanleihen auf den Büchern der EZB (ca. 50 Mrd. Euro) durch Absicherungskredite der Rettungsschirme EFSF bzw. ESM zu isolieren.

Derweil wird heute ein letzter Anlauf für eine Regierungsbildung in Athen unternommen. Aber unabhängig davon dürfte die Diskussion über einen Euro-Austritt Griechenlands nicht schnell verstummen. Heute treffen sich die EU Finanzminister in Brüssel, morgen begegnen sich Angela Merkel und Francois Hollande das erste Mal. Neben dem Wunsch nach einer „Europäischen Wachstumsagenda“ dürfte wieder einmal das Thema „Griechenland“ dominieren. Immerhin hat Spanien einen Weg zur Stabilisierung seiner Banken vorgezeichnet: Alle Institute werden verpflichtet, ihre faulen Immobilienkredite in Bad Banks auszulagern. Die Anleger sehen das Vorhaben noch skeptisch, weil die Finanzierungsfragen noch nicht abschließend geklärt sind.

Die Stimmung an den Märkten ist entsprechend verhalten. China lockert (erwartungsgemäß) die Zinszügel, was jedoch auch kritisch gesehen wird („China schwächelt“). Morgen gibt es BIP-Zahlen (1. Quartal) für Deutschland, Frankreich und die Eurozone. Die Erwartungen sind zurückhaltend, was immerhin Spielraum für positive Überraschungen eröffnet. Die Unsicherheiten um die Weltkonjunktur im Allgemeinen und die Eurozone im Speziellen dürfte an den Märkten in den kommenden Tagen demnach die üblichen Reaktionen hervorrufen: Euro etwas schwächer und Bundesanleihen fester. Immerhin: Letzteres ist seit zwei Jahrzehnten kein Tabuthema mehr…

Foto von Aleksandar Nakic – www.istockphoto.de

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Kornelius Purps ist Fixed Income Strategist bei der UniCreditBank AG.

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