Ich muss heute eine neue Autobatterie kaufen. Bin ja mal gespannt, ob es da noch welche gibt, oder ob die ausverkauft sind wie Ventilatoren im Jahrhundertsommer. Alternativ könnte man das Auto bis zum Frühling stehen lassen und in Urlaub zu fahren. In Neuseeland hat‘s 20°C, in Kapstadt mehr als 30°C. Wichtigstes Utensil im Urlaubsgepäck? Ein Eiskratzer? Eine Autobatterie? Nein, ein Kuscheltier. Angeblich reist jeder siebte deutsche Erwachsene mit einem Kuscheltier in den Urlaub. In unserem Familienbesitz befinden sich zirka 250 Kuscheltiere – welches soll man da mitnehmen? Vielleicht drehen wir den Spieß um: Wir losen ein Kuscheltier aus, und dahin fahren wir dann in den Urlaub. Ein Gockel? Auf nach Frankreich. Ein Elch? Auf nach Schweden (mit Eiskratzer und Autobatterie). Ein Kuckuck? Auf nach Griechenland…

Wir beobachten derzeit eine bizarre Situation: Nie war die Bedrohung durch eine Staatspleite Griechenlands so groß, und nie waren die Sorgen an den Finanzmärkten darüber so gering. Über das Wochenende konnten sich die beteiligten Parteien erneut nicht auf den einen großen Kompromiss einigen. Die Kreditgeber, vertreten durch die Troika aus EU Kommission, Europäischer Zentralbank und Internationalem Währungsfonds, fordern unter anderem eine sofortige Kürzung der Mindestlöhne und weitere tiefe Einschnitte im Staatsapparat. Die Verhandlungspartner aus Griechenland lehnen diese Maßnahmen ab. Bisher liegt lediglich eine Teileinigung auf kleinstem gemeinsamem Nenner vor. Parallel laufen die Gespräche über einen Schuldenschnitt mit den privaten Gläubigern (PSI). Auch hier: keine Einigung. Einer der Knackpunkte in den Gesprächen: Kann / soll / darf / muss sich die EZB an einem freiwilligen oder möglicherweise erzwungenen Schuldenschnitt beteiligen?

Der Ton wird schärfer. Eurogruppen-Chef Jean-Claude Juncker zog im Spiegel explizit eine Staatspleite Griechenlands in Erwägung. Griechische Medien spekulieren über einen Rücktritt des griechischen Ministerpräsidenten Loukas Papademos. Der griechischstämmige Europaabgeordnete der FDP, Jorgo Chatzimarkakis, möchte aus Marketinggründen Griechenland einen neuen Namen verpassen. Während Chatzimarkakis den Namen „Hellas“ ins Spiel bringt, tat sich die Nachrichtenagentur Reuters bereits am Donnerstag mit der an eine Winterlandschaft erinnernde Variante „Griechischland“ hervor. Medienberichten zufolge hat die Troika ein Ultimatum ausgesprochen. Bis gestern Mittag, 12 Uhr, sollten die Verhandlungsparteien den Forderungen der Kreditgeber zugestimmt haben. Ansonsten… ja was ansonsten? Ansonsten heißt es Kuscheltier einpacken und in Urlaub fliegen? Wir werden sehen…

An den Finanzmärkten ist ein etwas schwächerer Euro der einzige Hinweis auf vielleicht zunehmende Nervosität vor einer Zahlungsunfähigkeit Griechenlands. Erstens vertraut die Anlegerschaft wohl auf die Fähigkeit der Europäer, sich immer genau dann zu einigen, wenn der Druck am größten ist. Zweitens hat sich mittlerweile die Meinung durchgesetzt, eine Staatspleite Hellas‘ könne finanzwirtschaftlich aufgefangen und realwirtschaftlich kompensiert werden. Was wiederum drittens an den ermutigenden Konjunkturindikatoren aus einer Vielzahl von Urlaubsländern liegt. Am Freitag beispielsweise überraschte der Arbeitsmarktbericht aus dem Weißkopfseeadlerkuscheltierland Amerika mit einem ungeahnt starken Stellenaufbau. Gleichzeitig ging die (offizielle) Arbeitslosenquote dank eines schwindenden Arbeitskräftepools den fünften Monat in Folge zurück.

Unter der Annahme, aller Ultimaten zum Trotz werde nicht die Zahlungsunfähigkeit Griechenlands besiegelt, besteht die realistische Hoffnung auf eine Fortsetzung des Stimmungshöhenfluges an den Märkten. Und wenn dann noch der Wetterbericht hochsommerliche Temperaturen von minus 10°C und mehr in Aussicht stellt, heißt es Kuschelpinguin einpacken und ab zum Baden an die Ostsee…

Foto von Robert Thompson – www.istockphoto.de

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