Deutschland geht es gut. Zu gut? Mittlerweile gibt es Überlegungen, unseren Wohlstand auch an den bislang noch nicht mit HD Ready Flatscreens und dergleichen ausgestatten WC Rastanlagen an Autobahnen auszudehnen. Immerhin wurden jene Orte des Grauens in den letzten Jahren etwas aufgehübscht. So bestehen die Sanitäreinrichtungen mittlerweile ebenso aus Edelstahl wie die schweren Zugangstüren. Jetzt erfahren wir jedoch, dass sich diese Türen bei windigen Rohstoffhändlern wachsender Nachfrage erfreuen. Das dämpft natürlich die Hoffnung, die Stillen Örtchen demnächst mal mit Flachbildfernsehern ausgestattet zu bekommen. Dennoch sind auch diese Türdiebstähle ein Hinweis darauf, dass es Deutschland ziemlich gut geht. Denn immerhin wurden die weiteren Ausstattungsgegenstände bislang von den Dieben zurückgelassen…

Auf amerikanischen Highway-Klos dürfen wir hingegen in Zukunft schon froh sein, wenn ausreichend Tissue-Papier zur Verfügung steht. Ich bin mir sicher, dass sich der Posten public toilet paper bereits irgendwo in den Untiefen des jetzt vereinbarten Sparpakets findet. Bei einem Großhandelspreis von 25ct pro Rolle summiert sich das anvisierte Sparvolumen auf zehn Billionen Rollen – das entspricht dem Weltklopapierverbrauch einer ganzen Generation. Amerika opfert das Klopapier, um Zinspapiere bedienen zu können – ein Skandal! Aber der Reihe nach: Heute früh verkündete US Präsident Barack Obama die Einigung im amerikanischen Schuldenstreit. Anhebung der Schuldengrenze und 10-Jahres-Sparpaket werden in einem halbautomatischen Zweistufenverfahren miteinander kombiniert. Hier die Eckdaten: Die Schuldengrenze wird um mindestens USD 2,1 Billionen angehoben. Staatsausgaben werden per sofort in einem Volumen von knapp 1 Billionen gestrichen. Der Kongress einigt sich bis Ende des Jahres auf weitere Einsparungen im Volumen von 1,5 Billionen. Kommt eine Einigung nicht zustande, greift eine automatische Ausgabenbegrenzung nach der Rasenmähermethode.

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In der Bewertung dieses Kompromisses werden sich heute wohl alle Beobachter einig sein: „Die Gefahr einer unmittelbaren Staatspleite konnte abgewendet werden. Aber die Bedrohung einer Abwertung der amerikanischen Kreditwürdigkeit durch die Ratingagenturen bleibt bestehen.“ Es ist in der Tat so, dass das Sparpaket kleiner ausfällt als von S&P unlängst verlangt (USD 4 Billionen). Ferner dürften hinsichtlich der Nachhaltigkeit der Sparanstrengungen Zweifel angebracht sein. Möglicherweise wird S&P mit einer Ratingentscheidung warten, bis der Kongress den zweiten Teil des Sparpakets beschlossen hat. Ein Moody‘s-Analyst hingegen zeigte sich über den Kompromiss bereits hocherfreut und stellte für die USA ein stabiles Aaa-Rating in Aussicht.

So, eine Baustelle weniger. Mund abwischen, weiter machen. Hier der verbleibende Problemkatalog für uns Marktteilnehmer: 1) US Wirtschaft: Wachstum ist viel schwächer als gedacht. 2) EWU Wirtschaft: Wachstum schwächt sich zusehends ab. 3) China Wirtschaft: Einkaufsmanagerindizes signalisieren schwächeres Wachstum. 4) Griechenland: Spanien und Italien beteiligen sich evtl. nicht an der nächsten Kredittranche für Griechenland, weil die Fundingkosten dieser Länder den griechischen Kreditzins möglicherweise übersteigen. 5) Spanien: Warnung von Moody‘s, Kritik vom IWF, vorgezogene Parlamentswahlen im November. 6) Frankreich: Kritik vom IWF (Lagarde!). 7) Zypern: Downgrades von Moody‘s und S&P, komplette Regierungsumbildung, evtl. Hilfsantrag beim EFSF. 8) Dänemark: S&P warnt vor weiteren Bankpleiten. Habe ich irgendetwas vergessen?

Die Freude an den Finanzmärkten über den Schuldenkompromiss in Washington dürfte daher überschaubar in Ausprägung und Dauer sein. Die Aktienmärkte haussieren heute früh mit plus 1-2%, der USD ist etwas fester, US Treasuries etwas schwächer, aber das sieht alles vergleichsweise verhalten aus. Heute Nachmittag kommt bereits der ISM Index (siehe Problem #1). An den Peripherie-Märkten in der Eurozone könnte die Stimmungserholung komplett vorbeiziehen. Und an den Parkplatz-WCs steht die ganz große Prüfung ohnehin erst noch bevor: Keine Tür, kein Papier, aber die Zinsen fließen…

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Kornelius Purps ist Fixed Income Strategist bei der UniCreditBank AG.

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