„Es bedarf schlankerer Strukturen für Start-ups“

Die Deutsche Börse hat eine Studie zur deutschen Start-up-Landschaft veröffentlicht. Wie schlägt sich diese im internationalen Vergleich? Wo liegen die Defizite? Wir sprachen mit Eric Leupold, Leiter des Bereichs Pre-IPO & Capital Markets, über die Erkenntnisse, die aus der Untersuchung gezogen werden konnten. Interview: Philipp Scherber

Eric Leupold ist seit August 2009 für die Gruppe Deutsche Börse tätig. Seit Mai 2016 leitet er den Bereich „Pre-IPO & Capital Markets“, u.a. mit den Themen Listing, Issuer Services, Deutsche Börse Venture Network und dem Frankfurter FinTech Hub.

BANKINGNEWS: Sie haben kürzlich eine Start-up-Studie veröffentlicht. Was wurde darin untersucht?

Eric Leupold: Im Juni 2015 haben wir das Deutsche Börse Venture Network gelauncht, mit dem Ziel, mehr Wagniskapital für deutsche Wachstumsunternehmen zu mobilisieren und zugleich auch Börsengänge zu fördern. Das Netzwerk ist mittlerweile auf etwa 150 Start-ups und 250 Investoren angewachsen. Allerdings haben wir festgestellt, dass wir die Unternehmen nicht ohne ausländisches Venture Capital finanzieren können. Daher haben wir gemeinsam mit EY die Top-Plätze in der Welt – Kalifornien, London und Tel Aviv – unter die Lupe genommen und einen Vergleich zu Deutschland gezogen. Wenn wir uns die Börsengänge von Technologieunternehmen in den letzten 15 Jahren anschauen, ist das relativ mau. Das letzte Unternehmen in diesem Sektor, das zu einem Weltmarktführer werden konnte, war SAP. Auf dem amerikanischen Markt hingegen haben die Ex-Start-ups Amazon, Google und Face-book die alten Platzhirsche vertrieben. Wir wollten wissen, woran das liegt.

Was waren die wichtigsten Erkenntnisse?

Der größte Nachholbedarf liegt in der Finanzierung von jungen Unternehmen. Im Seed-Bereich gibt es einige staatliche Initiativen, den High-Tech Gründerfonds, Programme der KfW und zahlreiche Business Angels. Aber wenn für ein starkes Wachstum Venture Capital in zweistelliger Millionenhöhe benötigt wird, sind wir in Deutschland sehr dünn aufgestellt. Es gibt vielleicht zehn Investoren mit entsprechend großen Fonds. Der Rest des Geldes stammt aus Großbritannien und den USA. Darüber hinaus herrschen in UK bessere steuerliche Rahmenbedingungen sowohl für Start-ups als auch für Investoren – etwa hinsichtlich Abschreibungsmöglichkeiten von fehlgeschlagenen Investitionen. Die zurückhaltende Aktienkultur in Deutschland ist ein weiterer Faktor. Wenn Geld nicht so allokiert wird, dass Wachstumsunternehmen damit gefördert werden, ist das für den Markt natürlich hinderlich. Ein anderer wichtiger Punkt ist die weniger stark ausgeprägte Bürokratie in anderen Start-up-Hochburgen. Alle Start-ups stehen vor den Fragen: Wie gründe ich? Welche Unternehmensformen gibt es? Welche Formulare brauche ich? In anderen Regionen existieren sogenannte Gründerzentren, die als Ansprechpartner und Informationsquelle fungieren. Aber versuchen Sie mal, in Deutschland als Start-up ein Bankkonto zu eröffnen. Da gehen nicht selten Monate ins Land. Es bedarf schlankerer Strukturen für Start-ups. Der vierte entscheidende Aspekt ist, dass in Deutschland fast Vollbeschäftigung herrscht. Hochschulabsolventen im Ingenieurwesen z.B. können sich ihren Job aussuchen. Oftmals bevorzugen sie aufgrund der größeren Unsicherheit und der Investitionslast ein sicheres Angestelltenverhältnis, obwohl sie prädestiniert wären, aus innovativen Ideen erfolgversprechende Unternehmen zu gründen. Die Angst vor dem Scheitern gibt es in den USA zwar auch, aber sie ist durch die vielen Vorzeige-Start-ups, die es geschafft haben, eine enorme Größe zu erreichen, kein Hindernis, trotzdem zu gründen.

In welchem Bereich der Fintech-Branche passiert derzeit am meisten?

Im Regtech-Bereich passiert momentan sehr viel. Zuvor gab es besonders viel Aktivität im Payment-Sektor. Der Bereich (KMU-)Finanzierung nimmt ebenfalls langsam Fahrt auf. Außerdem sind in jüngerer Zeit einige Robo Advisor an den Start gegangen. Da muss man schauen, wer sich letztlich durchsetzt.

Fintech-Deutschland ist fragmentierter als etwa Großbritannien mit seiner sehr starken Zentralisierung in London. Was bedeutet das für die deutsche Szene?

Das ist weder ein klarer Vor- noch Nachteil. Für die Fintechs im B2B-Bereich ist eine Nähe zu den Kunden, also zum Beispiel Banken, sinnvoll, weshalb Frankfurt sich in diesem Sektor besonders stark positionieren kann. Im B2C-Bereich sitzen einige Firmen in Berlin, Hamburg oder München. Es kann ein Vorteil für Investoren sein, dass sich alle Start-ups an einem Zentrum mit kurzen Wegen bündeln, aber die Fragmentierung in Deutschland ist meines Erachtens nicht schädlich für den Markt.

Haben Sie konkrete Vorschläge, um Deutschland für Start-ups attraktiver zu machen?

Es sollte honoriert werden, wenn man als Investor ein Risiko eingeht und in Start-ups investiert. Für den Erfolg von Börsengängen ist die Aktienkultur ganz entscheidend. Der fast seit 2009 stetig steigende Aktienmarkt ist an den deutschen Anlegern vollkommen vorbeigegangen. Das Deutsche Aktieninstitut hat einige gute Vorschläge an die Politik weitergegeben, wie die Aktienkultur in Deutschland nachhaltig gefördert werden könnte. Und auch wir stehen im regelmäßigen Austausch mit der Bundesregierung, um Börsengänge von Wachstumsunternehmen zu fördern. Für Investoren muss sich vor allem auf der steuerlichen Seite etwas bewegen.

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