Ethik und der Finanzsektor โ was in der aktuellen Zeit wie ein stumpfes Oxymoron wirkt, sind fรผr Paul H. Dembinski zwei Begriffe, die einander bedingen und deren Zusammenspiel in den letzten Jahrzehnten ins Stolpern geraten ist. In seinem Buch โEthik und Verantwortung im Finanzsektorโ stellt der Initiator des Observatoire de la Finance heraus, warum der Faktor Ethik fรผr die Finanzwirtschaft von so groรer Wichtigkeit ist. Verlorenes Vertrauen musste verzeichnet werden, sodass die Branche dazu gezwungen sei, โihren Platz in Wirtschaft und Gesellschaft sowie ihre Geschรคftsmodelle zu รผberdenkenโ.
Dembinski beginnt seine รberlegungen mit der Beantwortung der Frage, warum es รผberhaupt Ethik in der Finanzwirtschaft geben mรผsse. Der Grund dafรผr liegt fรผr ihn in den โdreiรig euphorischenโ Jahren (seit Mitte der 1970er bis ins Jahr 2007), in denen Ethik und Vorsicht keinerlei Prioritรคt hatten. Deshalb sei die anschlieรende Krise die Legitimation einer gegenseitigen Erneuerung von Ethik und Finanzwirtschaft. Fรผr seine Forderung gibt er sowohl strukturelle als auch konjunkturelle Grรผnde an. Strukturell, weil eine durch menschliches Handeln beeinflusste Welt niemals vollstรคndig durch Zahlen ersetzt werden kรถnne und somit stets ein ethischer Rahmen gegeben sein mรผsse. Konjunkturell, weil es bereits sehr viel Literatur gebe, die sich mit den technischen Fragen der Krise beschรคftigt, die Ethik jedoch vergessen werde, da Finanztheorie auf reinem Positivismus basiere. Dieses Vakuum kann Dembinski mit seinen Ausfรผhrungen fรผllen. Dafรผr betrachtet er die Dilemmata der drei hauptsรคchlichen Kategorien von Akteuren in der Finanzwirtschaft (Sparer, Investoren und Finanzdienstleister) im Hinblick auf drei ethische Ebenen: auf Makroebene โ die gesellschaftsethische Fragestellung, was in der Finanzwirtschaft erlaubt oder verboten ist; auf Mesoebene โ die Frage nach den Modalitรคten der Ausรผbung finanzwirtschaftlicher Aktivitรคten; auf Mikroebene โ der Wegweiser fรผr die drei Hauptgruppen von Akteuren im Kontext ihrer zukรผnftigen Handlungen. Alleine diese Auflistung zeigt, dass Dembinski keine Lรผcken in seiner Argumentation zulรคsst. Seine Analyse ist hochdifferenziert bzw. in manchen Teilen fรผr den philosophischen Laien vielleicht sogar zu detailliert; genannt sei an dieser Stelle eine Unterscheidung von fundamentaler und angewandter Ethik. Bei Letzterer bezieht sich der Autor auf Paul Ricลur, in dessen Ausfรผhrungen die Ethik in der Handlung des Subjekts verankert ist, โdas nach etwas strebt, aber auch einen durch die Suche nach Kohรคrenz geprรคgten Willen besitztโ. Das klingt komplizierter, als es ist. Vieles lรคuft auf die simple Frage hinaus: Beinhaltet eine Finanzintermediation eine treuhรคnderische Sorgfaltspflicht des Fachmanns oder ist es schlicht ein trivialer Verkauf? รber solche Fragen denkt der Autor nach, liefert aber gleichzeitig Handlungsmรถglichkeiten im Rahmen der vorher skizzierten Dilemmata auf.
Ihm geht es nicht darum, โdie Welt zu definanzialisieren, sondern realistische Wege einer Rรผckkehr zur wirtschaftlichen Vernunftโ aufzuzeigen. Die Suche nach diesem Weg ist insbesondere im Kontext moderner Phรคnomene wie der Digitalisierung sehr spannend, da diese durch die Entpersonalisierung โzu einer Entwurzelung der Ethik in Unternehmenโ fรผhre. Frei von Redundanzen behandelt Dembinski ein auf den ersten Blick theoretisches Thema, dessen Arm weit in die Praxis hineinreicht. Denn mit einem Bewusstsein fรผr ethisches Handeln kommt die Verantwortung. Des Autors Appell ist โdie รberwindung des โimmer mehrโโ. Hoffentlich hรถrt ihm jemand zu.
- Titel: Ethik und Verantwortung im Finanzsektor
- Autor: Paul H. Dembinski
- Preis: 29,95 โฌ
- Seiten: 97 , broschiert
- ISBN: 978-3-7910-3864-3
- Verlag: Schรคffer-Poeschel
Christian Grosshardt war zwischen 2014 und 2018 Redakteur im BANKINGCLUB und fungierte von Januar bis April 2018 als Chefredakteur von BANKINGNEWS. Wรคhrend seines Studiums der Germanistik, das er mit dem Master of Arts abschloss, sammelte er bereits umfangreiche redaktionelle Erfahrungen als freier Mitarbeiter bei der Kรถlnischen Rundschau.

