Guten Morgen, heute ist Dienstag, der 20. Juli 2010 !

  • Kein Ärger trotz Ärger: Reihenweise negative Meldungen können den Märkten nichts anhaben
  • Bumms wegen Bonds: Hypo Real Estate besteht angeblich den Stresstest nicht
  • Raus aus dem Haus: US Immobilienmarkt kann sich ohne staatliche Unterstützung nicht stabilisieren
Ich stelle es mir groß vor. Groß und schwarz, ohne Klimaanlage. Politiker finden sich dort ebenso wie Analy- und Journalisten. Im Sommerloch werden Jahr für Jahr Nachrichten geschmiedet, die eigentlich keine sind. Doch dieses Jahr ist es irgendwie anders: Es gibt Nachrichten, sensationelle Nachrichten. Aber in den Finanzmärkten scheint das niemanden zu interessieren. In diesem Jahr sitzen nicht die Analysten und Reporter im Sommerloch, sondern die Händler und Anleger. Nichts sehen, nichts hören, nichts sagen. Stattdessen heute mal kaufen, morgen mal verkaufen, gerade so, wie es die Gemütslage eben zulässt. Beispiel: Der EUR-USD Wechselkurs: Erst rauscht er von 1,50 auf unter 1,20, um anschließend gleich wieder auf 1,30 zu springen. Doch nun zur Sommerlochzeit ist Schluss. Bei Einsneunundzwanzigetwas haben die FX-Händler ihren inneren Frieden gefunden. Passend dazu bringt ein japanischer Autohersteller genau jetzt ein neues Modell auf den Markt: den Infiniti FX-Diesel…

Selbst der Banken-Stresstest wird ignoriert. Die Nachrichtenagentur Bloomberg meldete gestern um Punkt 18 Uhr, "mit dem Test vertraute Personen" berichteten, die Hypo Real Estate hätte die Belastungsprüfung nicht bestanden. Aufruhr an den Märkten? Nichts. Kein Wunder, alle Händler tummeln sich im Sommerloch und fahren den FX-Diesel zur Probe. Die HRE ist nach eigenen Angaben mit rund 75 Mrd. Euro in Staatsanleihen der EWU Peripherie-Länder investiert – wenn du mit zwei Promille Blutalkoholgehalt zur Führerscheinprüfung erscheinst, ist ein Scheitern eben sehr wahrscheinlich. Die extrem gedämpfte Marktreaktion auf die gestrige Meldung spricht jedoch Bände: Wird es am Ende etwa so sein, dass der europäische Banken-Stresstest an den Anlegern spurlos vorüberzieht? Es gibt Analysten, die prophezeien für die Post-Test-Ära den Untergang des Abendlandes. Wir werden es sehen: Am Freitag bekommen wir nicht nur die Testergebnisse "auf aggregierter Basis", wie es so schön heißt, sondern angeblich auch die Ergebnisse der einzelnen Banken auf Group-Level Basis. So zumindest liest sich die jüngste Presseerklärung des den Stresstest oberbeaufsichtigenden Committee of European Banking Supervisors. Vor dem Hintergrund der Markteinführung des FX-Diesel am Wochenende dürften diese Ergebnisse aber untergehen…

Andere Nachrichten schrecken die Händler und Anleger ja auch nicht auf: Der IWF bricht seine Gespräche mit Ungarn ab (IWF: "The mission will return to Washington, D.C."…). Gut, der Forint gibt rund drei Prozent ab, die Staatsanleiherenditen steigen um 20-25 Basispunkte, eine Wiederaufnahme der Gespräche dürfte es wohl erst Ende September / Anfang Oktober geben (Regionalwahlen am 3. Oktober) – aber in der normalerweise hochsensiblen Welt der Finanzmärkte außerhalb Ungarns verursachte diese Meldung keinen Flurschaden. Oder diese Nachricht hier: Moody’s wertet Irland ab, um eine Stufe von Aa1 auf Aa2. Ein kurzes Achselschweißzucken, das war’s. Moody’s Ratingausblick steht jetzt auf "stabil", damit ist das Thema offensichtlich durch. Ich hab‘ noch eine Meldung: Der Index zur Messung der Stimmung im US Immobiliensektor (NAHB) fiel auf ein Jahrestief. Ohne staatliche Anreize kommt der Markt offensichtlich überhaupt nicht auf die Beine. Deutung der Analysten: Der US Immo-Markt ist während der Rezession auf ein derart niedriges Niveau gefallen, dass Schwankungen in diesem Sektor sich ohnehin kaum noch auf das BIP auswirken. Mund abwischen, weiter fahren. Noch mehr? IBM legte gute, aber enttäuschende Zahlen vor – Aktie fällt um 4%, Gesamtmarkt behauptet.

Um meiner Chronistenpflicht genüge zu tun, hier schon mal die Meldungen der kommenden 24 Stunden: Griechenland platziert 3-Monats T-Bills. Irland verkauft 5jährige und 10jährige Staatsanleihen. Der Euribor steigt und steigt. Aus den USA kommen Zahlen zu den Baugenehmigungen und den Baubeginnen. Goldman Sachs präsentiert Quartalszahlen. Morgen spricht Ben Bernanke. Und "Infinity" steht für "Unendlichkeit" – ein eindeutiger Hinweis auf die Endlosigkeit des diesjährigen Sommerlochs…

 

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Dies ist ein humoristischer Marktkommentar und keine Anlageberatung. Die Einschätzungen des Autors beruhen auf Informationen, die auf öffentlich zugänglichen, als verlässlich eingeschätzten Informationsquellen basieren. Weitere Informationen finden Sie im Disclaimer.
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Kornelius Purps
Fixed Income Strategist
Director
MRE4FI
UniCredit Research

kornelius.purps@unicreditgroup.de

Kornelius Purps Corporate & Investment Banking
UniCredit Bank AG

www.unicreditgroup.eu

 

© Foto by eva serrabassa – www.istockphoto.com
© Foto Purps und Logo UniCredit Bank by UniCredit Bank AG
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Kornelius Purps ist Fixed Income Strategist bei der UniCreditBank AG.

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