Donnerstag, 09. April 2026
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Grau ist jede Theorie

Fรผr manche Berufe ist ein akademisches Studium unausweichlich. Das gilt nicht nur fรผr ร„rzte und Anwรคlte, sondern ebenso fรผr viele Berufe innerhalb der Bankenbranche. Doch wie praxisbezogen ist das Studium? Ein Blick auf die universitรคre Ausbildung von Finanzmathematikern oder Quants offenbart so manchen Mangel des Lehrplans. Aber mit einigen Kniffen kรถnnen Studenten sich optimal auf das Berufsleben vorbereiten. Von Vasily Nekrasov

Noch vor zehn Jahren waren Studienprogramme fรผr Finanzmathematik in Deutschland rar gesรคt. Gleichzeitig boomte der Markt, insbesondere im Bereich der Kreditderivate. Dann kam โ€žthe crisis of creditโ€œ. Nach diesem Ereignis hรคtte man erwarten kรถnnen, dass das Interesse an Quantitative Finance sinkt. Doch es kam anders!
Heute gibt es unzรคhlige Studienprogramme, auch fรผr Finanzmathematiker. Jedoch haben sich sowohl die Anforderungen an Quants als auch die Mรคrkte selbst stark geรคndert. Aber leider passen die Universitรคten ihre Programme nicht der neuen Realitรคt an.

Literatur aus Vorkrisezeiten

Nehmen wir als Beispiel das stochastische Zinsmodelle. Die Finanzkrise hat viel Neues mitgebracht, u.a. die negative Bondrenditen und das multicurve Phรคnomen. Wird aber darรผber im Kurs โ€žInterest Rate Modelsโ€œ an der Universitรคt-Ulm, an der ich studiert habe, unterrichtet?! Nein! Und nicht nur das, der Kurs basiert auf veraltete Literatur aus Vorkrisezeiten! Sieht es vielleicht bei โ€želitรคrenโ€œ Universitรคten besser aus? Leider nicht: Bei der TU-Mรผnchen und der Universitรคt Karlsruhe ist die Situation genauso. Etwas besser sieht es bei der Ludwig-Maximilian-Universitรคt Mรผnchen (LMU) aus: Hier wird zumindest schon die 2. Auflage der โ€žZinsmodellbibelโ€œ von Brigo&Mercurioโ€œ benutzt.

Selbst die fleiรŸigsten Studenten werden verwirrt

Der Kern des Problems liegt aber woanders begraben. Letzten Endes ist die Vorlesungszeit begrenzt und es werden nur die Grundlagen unterrichtet. Das ist grundsรคtzlich auch kein Problem. Viel schlimmer ist es, dass bei den Vertiefungsveranstaltungen, sofern diese รผberhaupt angeboten werden, nicht die praktische Aspekte, sondern immer kompliziertere Modelle, die niemand auรŸer ihren Autoren brauchen, diskutiert werden. Das verwirrt selbst die fleiรŸigsten und begabtesten Studenten. Diese Fehlorientierung bereitet sie nicht optimal fรผr das Berufsleben vor. Folglich gibt es, vor allem in der Beratung, immer mehr Firmen, die keine Absolventen anstellen. Manche wollen Senior Spezialisten, sind aber nur bereit, ihnen ein Absolventengehalt zu zahlen. Aber das ist eine andere Geschichte.

Die Grundlagen grรผndlich lesen

Was lรคsst sich einem Studenten der Finanzmathematik empfehlen? Vor allem muss man den Stoff der Pflichtfรคcher sorgfรคltig durcharbeiten und grรผndlich verstehen. Dabei ist zu beachten, dass in der letzten Zeit zu viel Wert auf risikoneutrale Bewertung der Derivate gelegt, aber die alte gute Hedging-Argumentation dagegen gerne vernachlรคssigt wird. In der Praxis wird jedoch fast jedes Derivat (teilweise) gehedget. Genau aus diesem Grund mรผssen die Werke von Black&Scholes sowie von Vasicek nicht nur gelesen, sondern auch verstanden werden. Nur so lรคsst sich ein Verstรคndnis von Delta Hedging erreichen, das fรผr die Berufswelt vorbereitet. Aber auch die MaรŸtheorie sollte man nicht vernachlรคssigen, ebenso wie die Grundlagen der partiellen Differentialgleichungen. Absolut notwendig ist es, die Konvergenzprobleme der Monte-Carlo Methode zu verstehen und das Least-Square Monte-Carlo zu beherrschen.

Basiswissen muss jeder Student von sich aus mitbringen

Statt sich in der Theorie zu vertiefen, sollte man sich anschlieรŸend lieber auf die Praxis konzentrieren. Darunter verstehe ich ein sehr breites Gebiet. Das mag vielleicht anstrengend sein, aber so ist nun einmal der Markt โ€“ komplizierte Finanzprodukte verschwinden, Liquiditรคt trocknet aus, Collateralization gewinnt an Bedeutung und von Quants wird immer breiteres Fachwissen erwartet. Daher rate ich Studenten, das absolute wirtschaftliche Basiswissen zu kennen. Das lernt man nicht an der Universitรคt, es wird vorausgesetzt und ist fรผr das Berufsleben elementar. Man muss wissen, aus welchen Aktien der DAX besteht, wo er sich befindet und wie hoch der Leitzins aktuell ist. Leider wissen das die meisten Studenten nicht. Ebenso muss man wissen, welche Finanzinstitute es gibt. Das mag sich vielleicht dumm anhรถren und wie eine Binsenweisheit klingen, aber diese Forderung hat durchaus ihren Grund. Als ich damals als Student den Kurs fรผr Versicherungsmathematik hรถrte, fragte der Dozent, welche Versicherungsunternehmen man in Deutschland kennt. AuรŸer Allianz und Mรผnchener Rรผck konnten oder wollten meine Kommilitonen keine weiteren nennen. Das darf nicht sein.
Auch rate ich, die regulatorischen Anforderungen wie MaRisk und Basel III zu lesen โ€“ sie sind es definitiv wert. Im Risikomanagement verdient man zwar keine Millionen, aber diese Branche garantiert sichere Jobs, auch, oder gerade in turbulenten Krisenzeiten. Auch die Programmierkenntnisse sind sehr begehrt und hรคufig eine Voraussetzung fรผr die Anstellung oder sogar fรผr das Praktikum. Am meisten werden VBA, R, Matlab und C++ nachgefragt. Und natรผrlich muss man lernen, die Modelle an echte Marktdaten zu kalibrieren und anzuwenden. Da man diese Erfahrung am besten beim Praktikum erwerben kann, ist es absolut notwendig, mindestens ein halbjรคhrliches Praktikum bei einem Finanzinstitut zu absolvieren. Last but not least muss kein junger Finanzmathematiker seine Softskills und Networking vernachlรคssigen. Bei manchen groรŸen Finanzinstituten hat die Personalabteilung (und nicht die Fachabteilung) das letzte Wort, wenn es um die Anstellung der Young Professionals geht.

Bildnachweis: Cesaria1 via istockphoto.de

Vasily Nekrasov ist Senior Risk Analyst und Model Developer bei derTOTAL Energie Gas GmbH.

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