Donnerstag, 16. April 2026
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Gute Banken, miese Banken

Es sind seit Jahren die gleichen Parolen: Filialnetze lassen sich heute nicht mehr kostendenkend betreiben. Da treffe es sich gut, dass Bankkunden keine Filialen mehr wollten: โ€žOnline kommt!โ€œ – und allen werde es besser gehen.

Aber ist das wirklich so? Die sicheren Gewinner dieser andauernden Trendbeschwรถrung sind die Unternehmensberatungen und IT-Anbieter, die in regelmรครŸigen Zyklen einer Bank nach der anderen die immer gleichen Konzepte verkaufen. Die Verlierer in diesem Spiel indes sind die groรŸen Banken selbst. Denn: Digitale Technologie ist leicht zu kopieren โ€“ ebenso wie die Bankprodukte selbst. So baut man keine Wettbewerbsvorteile auf. Man verspielt sie. Die bedingungslose Virtualisierung fรผhrt direkt ins virtuelle Banknirvana. Mehr noch: Die Aushรถhlung der Banken und ihres Kerngeschรคfts ist bereits in vollem Gang.
Indem Banken sich zunehmend รผber ihr vermeintlich innovatives Investmentbanking definieren, werden Kunden- und Kreditgeschรคft zu Randbereichen degradiert, in denen Differenzierung oder Innovation ohnehin nicht mรถglich seien.
Der nรผchterne Blick auf die Zahlen der letzten Jahre offenbart die fatalen Konsequenzen dieses Dogmas: Die Performance europรคischer Universalbanken in der jรผngeren Vergangenheit war alles andere als rosig, รผberwiegend sogar unterirdisch.

Banken haben verlernt, ihr Kundengeschรคft profitabel zu betreiben

Eine gigantische Wertvernichtung hat stattgefunden, verursacht durch Abwendung der Banken vom Kundengeschรคft, durch nahezu unbรคndigen Risikoappetit und schamlose Selbstbereicherung der Managementkaste. Deutsche GroรŸbanken wie Commerzbank und Deutsche Bank machen da keine Ausnahme โ€“ sie sind am untersten Ende der Skala oder im Mittelfeld dabei. Gerade die Commerzbank war einer der fรผhrenden Wertzerstรถrer in der Bankenkrise.
Dass die Vorstรคnde der Deutschen Bank Jain und Fitschen bei der Aktionรคrsversammlung im Mai ausgebuht wurden, ist folgerichtig: Wer bei anhaltender Wertvernichtung versucht, maรŸlose Boni und Gehรคlter zu zementieren, ohne dass interne Reform erkennbar wรคre, der macht sich unmรถglich. Der Vorstand der Deutschen Bank versucht weiter, Probleme mit denselben Mitteln zu lรถsen, die das Problem รผberhaupt erst erzeugt haben.
Das Gesamtbild passt einem seit den 80er Jahren anhaltenden Trend: Banken haben verlernt, ihr Kundengeschรคft nachhaltig und profitabel zu betreiben. Es gibt eine kollektive Hilf- und Visionslosigkeit dahingehend, wie anstรคndiges, wirtschaftliches Bankgeschรคft heute aussehen kรถnnte. Viele Bank-CEOs beiรŸen sich behelfsmรครŸig an den von den Consultants eingeflรผsterten Mythen fest. Etwa dem, dass โ€žim Kundengeschรคft kein Geld zu verdienenโ€œ sei. Dass Filialen รผberflรผssig werden. Dass die Kosten das Problem seien.

Lokale Prรคsenz macht den Unterschied

Doch die Realitรคt sieht anders aus. Es lohnt sich, einen Blick auf den europรคischen Ausnahmeperformer in der Bankenlandschaft zu werfen. Diejenige Bank, die in den letzten Jahren und in den Jahrzenten davor durchgรคngig mit รผberlegener Performance geglรคnzt hat – die schwedische Handelsbanken. Zeigt das Beispiel Handelsbanken eine Alternative zur der Abwรคrtsspirale auf, in der sich deutsche Banken heute gefangen sehen?
Zunรคchst die Rahmendaten: Seit unglaublichen 43 Jahren ist sie die Bank mit dem besten Return on Equity und der besten Cost-Income-Ratio in Europa. 11.000 Mitarbeiter. MaรŸvoller Umgang mit Risiken im Boom wie in der Krise. Verzicht auf Bonussysteme, fixierte Wachstums-, Ertrags und Umsatzziele. Keine Produktrentabilitรคts-Betrachtung in der Bank, kein Produktmanagement, keine Divisionen. Starkes organisches Wachstum u.a. im stagnierenden britischen Bankenmarkt. Stark expandierendes Filialnetz. Kein zentrales Risikomanagement. Minimale Kreditverluste bei um die 0,07% โ€“ so gering, dass einer meiner รถsterreichischen Beratungs-Kunden einmal ausrief, diese Zahl sei โ€žvollkommen unerreichbar!โ€œ
Wie also wird das eigentlich Unmรถgliche mรถglich? Handelsbanken bietet eine Lektion in Sachen Nachhaltigkeit im Bankgeschรคft. Aber auch dahingehend, wie Unternehmen in diesem Jahrhundert gefรผhrt werden kรถnnen.

Handelsbanken sagt von sich selbst: โ€žBei uns sind die Filialen die Bankโ€œ: Digitale Technologie sei โ€žnotwendig, aber kein Unterscheidungsmerkmalโ€œ. Lokale Prรคsenz mache den Unterschied โ€“ nur sie fรผhrt zu besseren Ergebnissen, mehr Geschรคft und geringeren Risiken. Damit das funktionieren kann, verzichtet Handelsbanken seit 1971 auf Budgets und Jahresplanung, auf Zielvorgaben, strategische Planung, Forecasts, Ratingsysteme, Boni oder Anreizsysteme.
Und kommt mit nur drei Hierarchieebenen aus. Man spricht bei Handelsbanken von โ€žradikaler Dezentralisierungโ€œ der Entscheidungen. Es gehe darum, den โ€žbรผrokratischen Komplexโ€œ im Zaum zu halten. Handelsbanken macht das seit 40 Jahren – und ist gerade deshalb erfolgreicher.

Vielleicht mรผssen Banken das Filialgeschรคft neu erfinden

Das wirft die Frage auf: Sind die Filialkosten zu hoch โ€“ oder die Kosten zentraler Kontrolle? Sind Filialen und Kundenbetreuer รผberflรผssig, weil die Kunden sie nicht brauchen? Oder haben die meisten deutschen Banken ihre Filialen und Betreuer so stark entmรผndigt, dass funktionierendes Bankgeschรคft unmรถglich wurde?
Vielleicht mรผssen Banken das Filialgeschรคft endlich neu erfinden. Das Beispiel Handelsbanken zeigt, dass Banken doch eine Seele haben kรถnnen. Und dass es nรถtig ist, diese Seele wieder freizuschaufeln.
Niels Pflรคging ist Business-Vordenker, Autor und Berater. Sein neuestes Buch โ€žOrganisation fรผr Komplexitรคt. Wie Arbeit wieder lebendig wird – und Hรถchstleistung entstehtโ€œ ist aktuell unter den Wirtschaftsbuch-Bestsellern.

Niels Pflรคging ist Speaker bei BetaCodex Network.

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