• Europa explosiv: Spanien vs. Moody‘s, Irland vs. AIB, Berlusconi vs. alle anderen, Posen vs. Sentance…
  • Deutschland ultimativ: Hierzulande wird gefeiert (Wiesn) und geshoppt (GfK)
  • Märkte intensiv: Bunds fester, Peripherie-Anleihen schwächer, Euro profitiert von USA-Absturz
 
Wir stellen uns einen Kindergeburtstag vor. Kevin ist 10 Jahre alt geworden und lädt alle seine Freunde ein. Kevins Mutter Heidi sucht das Weite, die Kinder sind allein. Es herrscht Anarchie, alle schreien sich an. Es geht ums Geld. Ryan behauptet, seine Eltern hätten mehr Geld als die von Konstantinos, kann aber keine Beweise vorlegen. Konstantinos entgegnet, es sei total clever von seinen Eltern, EFSF-IV beantragt zu haben. Sergio jammert, seine Eltern wären viel reicher, würde seine Mutter nicht so viel ausgeben. Juan sitzt in der Ecke und heult: „Meine Eltern haben fast keine Schulden, aber sie finden einfach keinen Job!“ An der weiteren Diskussion beteiligt er sich nicht. Giuseppe lässt den Obercoolen raushängen und behauptet: „Ich bin der Reichste hier. Wir können ja abstimmen. Wenn ich verlier‘, geh ich heim.“ Angesteckt von dem Lärm entwickelt sich in der Nachbarwohnung eine Schlägerei: John will die Geldbörse seiner Eltern aus dem Fenster werfen, James will ihn davon abhalten. Als um Mitternacht Kevins Mutter (sie war mit Johns Vater aus…) zurückkehrt, entdeckt sie das Chaos und grübelt: Es müsse doch ein System geben, welches quasi-automatisch die Kinder sanktioniert, sollten sie nicht spuren…

Außenstehende (z.B. das Rentnerehepaar Haruto & Haruka aus dem Reihenmittelhaus gegenüber) reiben sich verwundert die Augen: Was ist denn bei DENEN wieder los? „Bei denen“, das sind die Europäer, eine für Haruto schwer definierbare Patchwork-Familie. Ryan ist Ire. Agenturmeldungen zufolge wird Ryan morgen erläutern, wie er die Anglo Irish Bank retten will und wie viel das kostet. Gestern erhöhte S&P ihren Wetteinsatz von „bis zu 35 Mrd. Euro“ auf „möglicherweise mehr als 35 Mrd. Euro“. Credit Default Swaps (CDS) auf Irland weiteten sich um rund 30 Bp aus, am Bondmarkt verhinderte vermutlich ein Eingreifen der EZB Schlimmeres.

Konstantinos ist Grieche. Er freut sich, dass er von der EWU Kredite zu rund 5% bekommen hat. Im Markt müsste er 10-11% zahlen. Aber der Kredit läuft im Frühjahr 2012 aus. Konstantinos ist zuversichtlich, sich bis dahin wieder selber am freien Markt refinanzieren zu können. Ansonsten muss er auf den Rettungsfonds der EWU zurückgreifen. Aber die Zinskosten hierfür könnten sich auf bis zu 8% belaufen. Genau weiß das niemand, weil das Kleingedruckte in den EFSF Kreditbedingungen selbst für bonusberechtigte Fachanalysten kaum nachvollziehbar ist.

Sergio ist Portugiese. Er verzweifelt an schwachem Wirtschaftswachstum, geringen Fortschritten bei der Haushaltskonsolidierung und ewiger Opposition von der Opposition. Gestern aber hat sein politischer Widersacher ein Einlenken signalisiert. Dennoch: CDS 50 Bp weiter, Anleihen vermutlich von der EZB gestützt. Juan kommt aus Spanien. Mehr als 10% Defizit und 20% Arbeitslosigkeit werden die Ratingagentur Moody‘s wohl in Kürze dazu veranlassen, dem Land sein Aaa-Rating zu entziehen. Im Markt heißt es, bereits morgen könnte eine Abwertung um bis zu zwei Stufen erfolgen. Ungeachtet dessen tritt Juan heute erst einmal in einen Generalstreik.

Giuseppe ist Italiener, heißt Berlusconi mit Nachnamen und stellt sich heute oder morgen aller Voraussicht nach einem Misstrauensvotum. Immerhin, bei dem Streit in der italienischen Regierungskoalition geht es nicht ums Geld. Italien steht haushaltspolitisch weiterhin relativ gut da, weshalb die Märkte auf die Entwicklungen halbwegs gelassen reagieren sollten. John und James arbeiten für die Bank of England. John (Adam Posen) will mit aller Kraft ein Quant Easing Program fahren, James (Andrew Sentance) will im Gegenteil die Zinsen anheben. Der Streit wird bei offenem Fenster ausgetragen, so dass Haruto & Haruka (japanische Investoren) zuschauen können. Kevin ist Deutscher, ihm geht es gut. Kevins Mutter ist wahlweise EU Kommission, Rat oder Parlament. Sie leidet an dem typischen Muttersyndrom: Sie will immer alles richtig machen, fühlt sich dabei jedoch regelmäßig überfordert.

Was bei all den europäischen Tumulten überrascht: Der Euro erklimmt neue Höhen. Im Gefolge eines erbärmlichen amerikanischen Konsumentenvertrauens durchbrach EUR-USD die 1,3510 und nistet sich seither bei 1,3580 ein. 99,9% der Marktbeobachter würden der Einheitswährung trotz aller Probleme daheim kurzfristig weiteres Aufwärtspotenzial attestieren. Heidi ist das egal. Sie geht shoppen (GfK Konsumklima auf Zweijahres-Hoch). Und heute Abend wird sie ihr Kind sicherlich wieder alleine lassen… Disclaimer

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Dies ist ein humoristischer Marktkommentar und keine Anlageberatung. Die Einschätzungen des Autors beruhen auf Informationen, die auf öffentlich zugänglichen, als verlässlich eingeschätzten Informationsquellen basieren. Weitere Informationen finden Sie im Disclaimer.
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Kornelius Purps
Fixed Income Strategist
Director
MRE4FI
UniCredit Research

kornelius.purps@unicreditgroup.de

Kornelius Purps Corporate & Investment Banking
UniCredit Bank AG

www.unicreditgroup.eu

 

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