Guten Morgen, heute ist Dienstag, der 6. Juli 2010! 

  • Fast normal: EZB kauft auch letzte Woche wieder Anleihen für 4 Mrd. Euro – Heute Sterilisierung (59 Mrd.)
  • Fast sinnlos: Handeln, wenn die USA Feiertag haben – Märkte dümpeln vor sich hin
  • Fast geschafft: Bund Future steht mal wieder vor der Marke von 130 – Heute Chance auf ein Überspringen

Manchmal braucht man einfach nur etwas Glück. An solchen Tagen feiert dann das Wörtchen „fast“ fröhliche Urständ. Gestern war so ein Tag: In Frankfurt Hbf hätte ich fast vergessen umzusteigen. Im vorletzten Moment raffte ich meine Sachen zusammen und flüchtete durch die Massen aus dem ICE. Dabei hätte ich fast mein Sakko vergessen. Das holte ich im letzten Moment. Ich stieg in einen Regionalzug, der war fast älter als ich. Dort konnte man noch die Fenster nach unten ziehen. Der Fahrtwind hätte fast mein Sakko aus dem Zug geschleudert. Dort nutzte ich auch die Bordtoilette – und fast wäre ich da nicht mehr rausgekommen. Denn dort stand auf einem Schild: „Bitte verlassen Sie den Raum so, wie Sie ihn vorfinden möchten!“ – und da musste ich erstmal fast eine Stunde putzen…

Jetzt sitze ich in einem kleinen Hotel und habe fast keinen Netzzugang. Also fast hätte ich Ihnen diese Zeilen gar nicht zusenden können – wäre aber vielleicht halb so wild, denn an den Märkten ist sowieso fast nichts los. Nachdem gestern in den USA Feiertag war, wurde hierzulande der Handel fast komplett eingestellt. Aus den kärglichen Kursentwicklungen ließ sich aber immerhin ablesen, dass fast niemand mehr an eine Fortsetzung einer V-förmigen Wirtschaftserholung glaubt. Deutlich wird das an den langen Renditen: Der Bund Future stieg fast bis auf die Marke von 130. An dieser Marke beißen wir uns jetzt allerdings schon seit fast vier Wochen die Zähne aus. Vielleicht klappt es ja heute, denn der Start in den Handelstag sieht einigermaßen wackelig aus: Der S&P Future ist in den Morgenstunden bereits fast unter die Marke von 1.000 gerutscht. Fast alle Kommentatoren verweisen auf das Risiko einer Wachstumsabschwächung. So ist es fast wahrscheinlich, dass diese Stimmungslage heute mit schwächeren Aktien, einem schwächeren Euro, festeren Bunds und weiteren Peripheriespreads einhergehen wird.

Die Peripheriespreads (Renditeaufschläge von griechischen, spanischen etc. Staatsanleihen gegenüber Staatsanleihen aus dem Land des Thomas Müller) sollten sich ja eigentlich im Zuge des von der Europäischen Zentralbank Anfang Mai ausgerufenen Anleihen-Kaufprogramms einengen. Ziel der EZB ist es, die „dysfunktionalen“ Märkte gewissermaßen zu entdysfunktionalisieren. Das heißt: Es gibt Angebot, es gibt Nachfrage und es gibt einen Preis, der den Markt räumt. Und dieser Preis soll, bitteschön, so liegen, dass die sich daraus errechnenden Anleiherenditen den „geldpolitischen Transmissionsmechanismus“ nicht infrage stellen, sprich: nicht zu hoch sind, insbesondere in kurzen Laufzeiten. Seit acht Wochen läuft das Programm mittlerweile, und wie fällt die Zwischenbilanz aus? Fast ein wenig ernüchternd: Die Spreads engen sich nicht wirklich ein, und wenn man sich in Händlerkreisen umhört, kann von funktionierenden Märkten nicht die Rede sein. In den letzten drei Wochen kaufte die EZB jeweils nur noch Anleihen im Kurswert von 4 Mrd. Euro – ist das zu wenig? Inzwischen hat sie sich ein 59-Mrd.-Portfolio zusammengekauft – das entspricht fast einem Drittel aller ausstehenden Bonds aus Griechenland, Portugal und Irland mit Fälligkeit vor Ende 2015. Die Notenbank versprach auch, jeden durch das Kaufprogramm in den Markt gepumpten Euro wieder abzusaugen. Niemand soll auf die Idee kommen, das Programm diene der Lockerung der monetären Zügel. Dieses Geld-wieder-einsammeln macht die Notenbank einmal die Woche in Form einer „rollierenden“ einwöchigen Einlagenoperation – und letzte Woche wäre es ihr fast misslungen: statt 55 Mrd. Euro konnte sie lediglich 31 Mrd. Euro wieder einsammeln. Die wichtigsten zur Beantwortung anstehenden Fragen diese Woche sind also: Gelingt es der EZB heute, das gesamte Volumen von nunmehr 59 Mrd. Euro aus dem Bankensystem abzuziehen? Und zweitens, wie beurteilt Herr Trichet während der EZB Pressekonferenz am kommenden Donnerstag den bisherigen Erfolg seines Kaufprogramms bzw. was gedenken er und seine Schergen zu tun, um ihr Ziel noch vor der Weihnachtspause zu erreichen?

Wachstumssorgen und diffizile Zentralbankoperationen – da bleibt an den Märkten vorerst wenig Platz für gute Stimmung.Das könnte sich nächste Woche ändern, wenn in den USA die Quartalsberichtssaison eingeleitet wird. Ich muss jetzt Schluss machen, sonst wird es fast ein wenig knapp, meinen Zug zurück noch zu erreichen…

Purpsis Eckball:

Fast hätte ich vergessen, meinen Tipp abzugeben: Heute ist Halbfinale mit Niederlande-Uruguay!

Kornelius Purps
Fixed Income Strategist
Director
MRE4FI
UniCredit Research

kornelius.purps@unicreditgroup.de

Kornelius Purps Corporate & Investment Banking
UniCredit Bank AG

www.unicreditgroup.eu

© Foto by Lya_Cattel – www.istockphoto.com
© Foto Purps und Logo UniCredit Bank by UniCredit Bank AG

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