"Die Leute haben keine Ahnung wie es mit Europa weiter geht…"

In einem Börsenkommentar wurde am Freitag eine „Quelle“ mit den Worten zitiert: „Die Leute haben keine Ahnung, wie es mit Europa weiter geht und ob das am Ende positiv oder negativ für die Rentenmärkte sein wird.“ In diesem Satz steckt die pure Verzweiflung. Aber sie ist nachvollziehbar. Man kann zwar unendlich viele Szenarien an die Wand malen, wie es mit Europa weiter geht, aber was dann wirklich passieren wird und welche Auswirkungen das auf welche Marktsegmente haben wird, ist wirklich unklar.

Am prominentesten ist es derzeit, eine „Banken-Union“ zu fordern. Eine einheitliche, Europaweite Bankenaufsicht, ein Unionsweiter Banken-Rettungsfonds und eine Nationen-übergreifende Form der Einlagensicherung – das wären die Kernelemente einer solchen Banken-Union. Nur: Wie viel Zeit benötigt es, ein solches administratives Schwergewicht aufzubauen? Mehrere Monate? Oder gar Jahre? So lange werden die Märkte sich nicht gedulden können. Zu viel auf einmal prasselt im Moment auf sie herein.

Es sind ja nicht nur die Sorgen um die Eurozone. Es sind auch die ganz normalen Konjunkturängste, die sich immer mehr breit machen. Die so sehr herbeigesehnte Konjunkturerholung in der Eurozone bleibt bislang aus. Die Einkaufsmanagerindizes für das Verarbeitende Gewerbe lieferten nichts als Ernüchterung. Morgen gibt es die entsprechenden Daten für den Dienstleistungssektor.

Und die Zahl derer, welche darin einen Aufschwungschimmer vermuten würden, kann man wohl an einer Hand abzählen. Unglücklicherweise gibt es jetzt auch noch Schwächesignale aus den USA, zuletzt der Hort des Wachstums und der Krisenfreiheit: Der Arbeitsmarktbericht am vergangenen Freitag war Auslöser für weitere deutliche Kurssrückgänge an den Aktien- und Kursgewinne an den Rentenmärkten. China, Emerging Markets – nirgendwo kann man sich festklammern und sagen, dort liege die Hoffnung.

Allgemein wird davon ausgegangenen, dass es in Kürze einen Policy Response geben wird. Eigentlich kann es sich nur noch um wenige Tage handeln, dann müsste irgendeine Form eines fiskal- oder geldpolitischen Impulses auf den Weg gebracht werden. Nur wer soll hier was ankündigen? Und soll tatsächlich etwas vor dem 17. Juni passieren, also bevor wir das Wahlergebnis aus Griechenland kennen? Oder wäre es klüger, sein Pulver bis dahin trocken zu halten?

An den Märkten herrscht noch keine Panik. Wir erleben keine Tage mit Aktienverlusten in Höhe von 5% oder mehr. Wir befinden uns eher in einer Phase der beschleunigten Reallokation von Anlagegeldern, die zu Kursverlusten in der Größenordnung von 2% pro Tag und immer neuen historischen Tiefständen im Zinsmarkt führen. Wenn es in diesem Tempo weiter geht, werden sich die Policy Responser wohl noch etwas Zeit lassen können.

Damit erscheint auch ein Eingreifen der EZB im Anschluss an die dieswöchige Ratssitzung (ausnahmsweise bereits am Mittwoch!) eher unwahrscheinlich. Eines ist aber gewiss: Aus dem Hause der Notenbank wird es klarere Worte geben als aus dem Mund jenes anonym gebliebenen Händlers. „Wir haben keine Ahnung“ ist für die EZB jedenfalls definitiv keine Option…

Foto von Andrey Popov – www.istockphoto.de

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Kornelius Purps ist Fixed Income Strategist bei der UniCreditBank AG.

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