An einem stinknormalen Tag liest ein stinknormaler Durchschnittsmensch ganz schön viel. Autopendler beginnen den Tag mit dem Wort „Stau“, abgelesen von über die Straße gespannten elektronischen Wechselverkehrszeichenanlagen. Bahnpendler beginnen den Tag mit „heute wenige Minuten später“, abgelesen von über den Bahnsteig gespannten elektronischen Fahrplanwechselzeichenanlagen. Kurz darauf lesen Auto- wie Bahnpendler die Overnight Impressionen und den Rest des Tages dann eigentlich nur noch E-Mails. Noch mehr lesen tun angehende Akademiker. Denkt man. Ist aber wohl nicht so. Eine Untersuchung fand heraus, dass mehr als drei Viertel aller Fußnoten in wissenschaftlichen Arbeiten von den ersten drei Seiten der zitierten Quelle stammen. Meine Empfehlung: Zitieren Sie nur noch von den O/N Impressionen. Dort gibt es (fast) immer nur eine „Seite 1“…

Außer der Meldung über den angeblich lesefaulen Akademikernachwuchs überwogen gestern aber die positiven Meldungen: Die griechischen Parteien einigten sich auf Lucas Papademos als Chef der Übergangsregierung. Papademos ist u.a. ehemaliger Vizepräsident der EZB und er sicherte zu, sein Ziel sei der Verbleib Griechenlands in der Eurozone. Italien ist mit seiner Entscheidung noch nicht ganz so weit, aber die Spatzen pfeifen es bereits von den Dächern: Mario Monti wird aller Voraussicht nach eine Übergangsregierung anführen. Monti war u.a. 10 Jahre EU Kommissar (Binnenmarkt, Wettbewerb) und gilt als ausgewiesener Wirtschaftsexperte. Bevor Monti Berlusconi beerben kann, muss noch das Stabilitätsgesetz durchgeboxt werden. Alle Beteiligten sagten hier eine zügigste Umsetzung zu, so dass der Regierungswechsel möglicherweise bereits über das Wochenende vollzogen werden kann. Auch andere positive Meldungen hatten mit Italien zu tun: Die Auktion von 12-Monatspapieren verlief besser als befürchtet. Unter tatkräftiger Mithilfe der EZB fielen die Renditen italienischer Staatsanleihen im Tagesverlauf um bis zu 100 Basispunkte. Und noch mehr Italien: EZB Direktoriumsmitglied Lorenzo Bini-Smaghi räumt zum Jahreswechsel seinen Sitz und wechselt zur Universität Harvard, um die dortigen Studenten zum Lesen der Seiten vier bis 100 anzuhalten. Nachdem Mario Draghi zum 1. November den Chefposten bei der EZB übernommen hatte, saßen im obersten Gremium der Zentralbank zwei Italiener und kein Franzose, was zwischen beiden Ländern zu diplomatischen Verstimmungen geführt hatte. Aber auch bei den negativen Nachrichten des gestrigen Tages war Italien prominent vertreten: Die Industrieproduktion ging im September stärker zurück als erwartet – eine Entwicklung, die das Land mit dem Nachbarn Frankreich teilt. Womit wir ziemlich schnell beim Konjunkturausblick der EU landen: „Rezession!“ hallte es durch den Email-Wald, weil die Brüsseler Behörde für Q4 2011 eine minus 0,1% und für Q1 2012 eine plusminus 0,0% erwartet. Vielleicht braucht es mal eine EU Richtlinie, welche den hyperinflationären Gebrauch des Terminus „Rezession“ etwas Einhalt gebietet…

An den Märkten wurde der Handel durch eine irrtümlich durch die Ratingagentur S&P ausgesandte Mitteilung irritiert, wonach Frankreich abgewertet worden wäre. Stimmt gar nicht, korrigierte S&P, diese Email habe das Haus fälschlicherweise verlassen. Peinlich. Unsere Empfehlung: Schreibt das Ratingurteil künftig erst auf Seite vier – dort liest es sowieso keiner…

Heute sieht es nach einer Fortsetzung der Marktkonsolidierung aus. Aber viele Händler dürften ohnehin nicht an ihrem Platz sitzen, sondern als Braut, Bräutigam oder Trauzeuge in Standesamt oder Kirche verweilen. Wir wünschen allen Paaren mit „11.11.11“ im Ring eine rosige Zukunft. Und nicht vergessen: Auch weiterhin immer mal wieder kleine Liebesbriefchen schicken. Keine Romane. Eine Seite ist genug. Aber Achtung: Das Forwarden der O/N Impressionen reicht als Liebesbeweis nicht aus…

Foto von PeskyMonkey – www.istockphoto.de

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