Es ist kaum zu glauben, aber am Sonntag ist schon der 1. Advent, ein untrügliches Zeichen dafür, dass die Vorweihnachtszeit beginnt. Der Terminus „Vorweihnachtszeit“ wurde ja vor etlichen Jahren von der Marzipanindustrie als Euphemismus für „umsatzstarke Wochen“ erfunden. Denn jetzt ziehen sie wieder los, die Konsumrudel, um zu kaufen, was nicht bei Drei auf dem Baum ist. So wie neulich, im berühmt-berüchtigten Untergeschoss einer schwedischen Möbelhauskette. Eine Frau rief gleich am Anfang der Verführmeile, ein Plastiktablett mit Nikolausdesign in der Luft wedelnd zu ihrer Schwippschwägerin: „Rita, wäre DAS nicht was für den Rüdiger?“ – „Was soll der denn damit machen?“ – „Keine Ahnung…“

Wenn einem so gar nichts Passsendes einfallen will, besteht der Fluchtweg darin, dem Begünstigten einen Spielschein einer staatlichen oder gemeinnützigen Lotterie zu übereignen. Alternativ bietet sich dieses Jahr (und voraussichtlich ausschließlich dieses Jahr) ein ganz besonderer Saisonartikel an: Die Griechenland-Anleihe mit der wie für Staatsbonds üblich etwas speckigen Bezeichnung GR0110021236, besser bekannt als 4,3% 20. März 2012. Bei Kursen im niedrigen 40er-Bereich wirft dieses Papier rein rechnerisch eine annualisierte Rendite von rund 400% (i.W.: vierhundert) ab. Das einzige, was man beim Erwerb dieses Papiers mitbringen muss, ist ein Fünkchen Hoffnung, dass Griechenland am 20. März 2012 über die Kleinigkeit von 15 Milliarden Euro verfügt, um diese Anleihe samt Kupon zu tilgen. Zur besseren Abschätzung der Wahrscheinlichkeit, dass diese Situation eintritt, empfielt es sich, den 9. Dezember abzuwarten. Dann heißt es wieder, zu den Klängen von Jingle Bells: „Summit Time, Summit Time, Summit all the way…“. Vor dem Scherbenhaufen der letzten Gipfelbeschlüsse von Ende Oktober stehend (Schuldenschnitt noch nicht umgesetzt, Rettungsfonds weder gehobelt noch gehebelt, Bankenrekapitalisierungsanforderungen revisionsanfällig) gilt es, einen neuen Anlauf zu wagen, der Schuldenkrise den Garaus zu machen. Dieses Mal läuft alles auf Vorschläge für Änderungen am Vertragswerk der Europäischen Union heraus. Das zumindest scheint das Ergebnis des gestrigen Merkonti-Gipfels (Merkel, Sarkozy, Monti) zu sein. Für die kommenden Tage wurden hier erste Detailvorschläge angekündigt.

Schon heute darf allerdings bezweifelt werden, ob sich die internationale Anlegerschar mit moderat modifizierten EU Verträgen hinter dem Ofen werden hervorlocken lassen. Im Markt gilt als Knackpunkt immer noch die Rolle der EZB: Soll, muss, kann oder will die Notenbank der Europäischen Währungsunion eine noch aktivere Rolle bei der Bekämpfung der Marktturbulenzen übernehmen, oder nicht? Merkonti haben sich bei ihren gestrigen Beratungen explizit dazu entschlossen, in dieser Frage offiziell keine Position zu beziehen und stattdessen die Unabhängigkeit der Zentralbank zu respektieren. Der Schwarze Peter liegt damit (wieder) dort, wo er hingehört: Bei den Gremien der EZB. Das weitere Vorgehen in dieser Sache ist vollkommen offen…

In erntedanktagbedingt ruhigem Handel werden die Marktteilnehmer auch heute noch ausreichend Gelegenheit haben, über diese Entwicklungen zu diskutieren. Ab und an sollte ein Blick auf den Nachrichtenticker geworfen werden: Fitch wertet Portugal auf Junk ab, Moody‘s wertet Ungarn auf Junk ab, Ifo Index steigt. Ja, tatsächlich, der Ifo steigt, getragen von etwas besseren Erwartungen. Woher das kommt? Ganz einfach: Einem Land, in welchem unschuldigen Rüdigers sinnlose Plastiktabletts mit Nikolausbildchen geschenkt werden, muss es so schlecht gehen, dass es eigentlich nur noch besser werden kann…

Foto von marilyn barbone – www.istockphoto.de

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Kornelius Purps ist Fixed Income Strategist bei der UniCreditBank AG.

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