Das Risikomanagement steht im Mittelpunkt des Finanzintermediationsprozesses bei Banken. Laut eines Sonderberichts zu Risikofragen bei islamischen Finanzinstituten der Ratingagentur Moody’s Investors Service stehen islamische Finanzinstitute, wie auch herkömmliche Banken, bei der entsprechenden Abgrenzung, Bestimmung, Bewertung, Auswahl, Bepreisung und Minderung von Risiken über alle Geschäftsfelder und Anlageklassen hinweg – auch wenn sich die tatsächlichen Risiken unterscheiden können – vielen Herausforderungen gegenüber. „Zu einer Zeit, in der die Komplexität und Volatilität der Finanzmärkte sowohl zu Wettbewerbsvorteile schaffenden Unterscheidungsmerkmalen als auch zu Risikoverflechtungsquellen geworden sind, hat das Risikomanagement größte Bedeutung erlangt“, so Anouar Hassoune, Vice-President/Senior Credit Officer bei Moody’s und Verfasser des Berichts.

 

Verbesserung der gesamten Risikomanagement-Architektur
Basel II sowie Abschreibungen auf breiter Front haben die Bedeutung einer adäquaten Kapitalausstattung klar vor Augen geführt und – was noch wichtiger ist – einen Rahmen zur Verbesserung der gesamten Risikomanagement-Architektur bei Banken geschaffen. Beim Rating von Finanzinstituten legt Moody’s großen Wert auf Risikomanagementrahmen sowie auf Corporate Governance, insbesondere in schnell wachsenden Schwellenländern, wo solche Faktoren eher zu schlechteren Rating-Ergebnissen als in einem reiferen Wirtschafts- und Geschäftsumfeld führen. Islamische Finanzinstitute bilden hier keine Ausnahme. Der Islamic Financial Services Board (IFSB) hat vor kurzem einen Standard für das Risikomanagement bei islamischen Instituten veröffentlicht, der als Grundlage für alle Gespräche zwischen Moody’s-Analysten und der Geschäftsleitung von Banken in diesem Bereich dient. Die Bilanzstrukturen islamischer Banken zeigen, dass es eine ganze Reihe von unterschiedlichen Klassifizierungen sowohl auf der Aktiv- als auch auf der Passivseite gibt. Diese Vielfalt beeinträchtigt die Vergleichbarkeit sowohl zwischen unterschiedlichen islamischen Instituten als auch zwischen islamischen Instituten und herkömmlichen Banken, sodass die Anwendung eines einzigen angemessenen Risikomangement-Verfahrens schwierig ist. Der IFSB hat sich deshalb für einen prinzipienbasierten Ansatz entschieden.

Mangel an hochqualifizierten Fachkräften im Bereich Risikomanagement
Der IFSB-Standard listet 15 Leitlinien für das Risikomanagement bei islamischen Finanzinstituten auf. Die Hauptunterschiede zwischen diesen Leitlinien und denen, die sich für eine herkömmliche Bank eignen, insgesamt fünf wesentliche Bereiche betreffen das Angebot an Anlageklassen bei islamischen Banken, die relativ schwache Stellung von Anlagekontoinhabern, die Bedeutung des Shari’ah-Aufsichtsrats und die Frage, inwieweit die Bank in der Lage ist, den Aufsichtsrat entsprechend zu informieren sowie sich an dessen Beschlüsse zu halten, das Renditerisiko sowie neue operationelle Risiken. Ungeachtet des Bemühens des IFSB, der islamischen Kreditwirtschaft Leitlinien zur Best Practice im Risikomanagement zur Verfügung zu stellen, bedarf eine Reihe von weiteren Risikofragen bei IFI offenbar einer näheren Prüfung. Dies ist zurückzuführen auf die noch relativ kurze Erfolgsgeschichte der IFI (das moderne islamische Banking gibt es erst seit drei Jahren und viele Sukuk-Produkte seit weniger als einem Jahrzehnt), die Tatsache, dass die meisten islamischen Banken in den Entwicklungsländern tätig sind, wo Transparenz, Corporate Governance und Risikomanagement insgesamt noch ‚Baustellen’ sind, und den Mangel an hochqualifizierten Fachkräften im Bereich Risikomanagement, die mit der Shari’ah-konformen Bankenwelt ausreichend vertraut sind.

Auswirkungen auf Bankenratings möglich
Hier zieht Moody’s drei wesentliche Schlussfolgerungen: In den Finanzierungs- und Anlageverträgen von IFI gibt es oft eine Verflechtung unterschiedlicher Risikoklassen, eine Einschränkung, die durch die naturgemäß starke Besicherung ihrer Portfolios durch Forderungen gemindert wird. Die Bilanzsteuerung – einschließlich der Liquiditäts-, Anlage-, Aktiv-Passiv- und Kapitalsteuerung – stellt einen kritischen Bereich dar, in dem IFI zahlreichen konkreten Herausforderungen gegenüberstehen, die sich nur schwer bewältigen lassen. Bestimmte nicht finanzielle Risiken zwingen IFI dazu, auf starke Corporate-Governance-Rahmen zu bauen und diese einzuhalten. „Angesichts der Bedeutung des Risikomanagements bei unserer Ratinganalyse, insbesondere für Institute in Schwellenländern, deren Systeme möglicherweise weniger entwickelt sind als solche herkömmlicher Banken, wird die Frage, inwieweit IFI in der Lage sind, ihre Risikomanagement-Ressourcen aufzubauen und weiterzuentwickeln, nicht ohne Auswirkungen auf das Rating bleiben“, sagt Hassoune.

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Dr. Stefan Hirschmann ist Gesamtleitung Kommunikation und Redaktion bei der Bank-Verlag GmbH.

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