Guten Morgen, heute ist Dienstag, der 29. Juni 2010! 

  • Vorrunden-Aus: Das Anleihen-Kaufprogramm der EZB zeigt (noch) nicht den gewünschten Erfolg
  • Final-Sieg: Dafür waren die Liquiditäts-Tender weltmeisterlich – 442 Mrd. Euro werden am Donnerstag fällig
  • Meister der Herzen: 10J Treasury-Rendite fällt auf unter 3%, 2J-Rendite auf Allzeit-Tief

Im Internet kursiert seit einiger Zeit ein Schlagzeil-O-Mat. Damit kann der Freizeitjournalist spielerisch klassische Schlagzeilen zum alltäglichen Weltgeschehen erfinden. Zum Beispiel "Florida-Tänzerin stoppt Knacki" oder "Pannen-Kind würgt Brot". Drei bis vier solcher Geschichten aneinandergereiht, und schon fühlt man sich als Chefredakteur einer großen überregionalen Tageszeitung. Am Rande des G-20-Gipfels in Toronto wurde offensichtlich ein ganz ähnlicher Schlagwortkreierer verwendet, um die komplizierten Sachzusammenhänge schlagzeilenträchtig zu verarbeiten. Wir haben ja gelernt: Die Europäer wollen heute die Defizite reduzieren, um dadurch morgen nachhaltiges Wachstum zu sichern. Die Amerikaner wollen lieber heute Wachstum sichern, sonst würden morgen die Defizite ausufern. Gestern ist mir in diesem Zusammenhang der Begriff "wachstumsorientierter Defizitabbau" begegnet. Die europäische Variante müsste entsprechend lauten: "konsolidierungsorientierte Wachstumsausrichtung". Diese Technik lässt sich auch auf andere Bereiche des täglichen Lebens anwenden: Bei der WM erleben wir zunehmend eine "verteidigungsorientierte Angriffsstrategie". Und beim Feiern achten die Spieler auf "promilleminimierenden Alkoholkonsum".

Die Europäische Zentralbank wiederum verfolgt so etwas wie die Strategie einer "ausgabenminimierenden Marktstabilisierung". Anfang Mai rief die Notenbank das umstrittene Staatsanleihen-Aufkaufprogramm ins Leben. Ziel der Maßnahme ist eine Wiederherstellung des geldpolitischen Transmissionsmechanismus. (Hier bietet sich unmittelbar der Einsatz eines Parteiprogramm-O-Mats an: "Wir fordern einen sozialpolitischen Steuergerechtigkeitsausgleichsmechanismus, meine Damen und Herren!" [Applaus]). Als die EZB mit ihrem Programm begann, lag der offizielle Leitzinssatz bei 1% und die 2-Jahres-Renditen in Deutschland bei 0,5%, in Spanien bei knapp 3%, in Portugal bei 6% und in Griechenland bei 18%. Diagnose: Transmissionsmechanismus defekt. Dann kündigte die EZB an, sie würde Staatsanleihen kaufen, und sie tat das auch gleich ganz eifrig mit mehr als 16 Mrd. Euro in der ersten Woche. Folge: Die 2-Jahres-Renditen fielen auf knapp unter (Spanien) bzw. knapp über 2% (Portugal) und auf 7% (Griechenland). Sieben Wochen später: Der offizielle Leitzins steht immer noch bei 1%, die 2-Jahres-Rendite in Deutschland liegt wieder bei 0,5%, und die Renditen in Spanien (knapp unter 3%), Portugal (knapp über 3%) und Griechenland (10%) sind wieder kräftig angestiegen. Jeder von uns kennt das: Man bringt sein Auto in die Werkstatt, weil der antriebspolitische Transmissionsmechanismus kaputt ist (3. Gang hakt). Nach der Reparatur geht’s ein paar Tage, und dann ist es wieder kaputt. (Gibt’s auf EZB-Reparaturen eigentlich Garantie oder nur Gewährleistung?) In den vergangenen zwei Wochen hat die Notenbank nur noch mit jeweils 4 Mrd. Euro versucht, die Märkte zu stützen. Erfolg: Der Renditeanstieg geht jetzt sehr gleichmäßig vonstatten. ("Gnä‘ Frau, dafür funktioniert ihr Rückwärtsgang einwandfrei!") Ich bin sehr gespannt, was Werkstattmeister Trichet auf der nächsten EZB-Pressekonferenz kommende Woche dazu zu sagen hat.

In vielen anderen Bereichen sind die Maßnahmen der EZB viel erfolgreicher. Zum Beispiel der Einsatz ihres Liquidität-O-Mats während der Bankenkrise – vorbildhaft auch für andere Zentralbanken. Nun nähert sich das Ende des wohl umfangreichsten Tendergeschäftes aller Zeiten: Am Donnerstag läuft der Jahrestender im Volumen von 442 Mrd. Euro aus. Anspannung im Geldmarkt und Abgabedruck auf Anleihen (außer Bunds) sind schon jetzt greifbar. Vielleicht begegnet die EZB dieser Entwicklung ja mit einer Ausweitung ihrer Bondkäufe ("verspannungslösende Einkaufspolitik"). Auch darüber hinaus verspricht das Marktgeschehen heute spannend zu werden. Nicht wegen der Daten (US Hauspreise und das Konsumentenvertrauen), sondern wegen der Kursniveaus: EUR-USD fällt auf unter 1,23, EUR-CHF auf 1,3333, die 10J-US Treasury-Rendite auf weniger als 3% und die 2J-Rendite auf ein Allzeit-Tief von 0,60%. Letzteres spiegelt offensichtlich so etwas wie einen "wachstumsrückgangorientierten Renditeabbau" wider…

Purpsis Eckball:

Schlagzeil-O-Mat über Arjen Robben: "Käskopp-Kicker zerlegt Pizzavernascher!" 

Kornelius Purps
Fixed Income Strategist
Director
MRE4FI
UniCredit Research

kornelius.purps@unicreditgroup.de

Kornelius Purps Corporate & Investment Banking
UniCredit Bank AG

www.unicreditgroup.eu

© Foto by José Luis Gutiérrez – www.istockphoto.com/ © Foto Purps und Logo UniCredit Bank by UniCredit Bank AG

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