„See no bank, hear no bank, speak no bank“

Bitbond, eine gänzlich auf Bitcoin basierende Darlehensplattform, bezeichnet sich selbst als „Unbank“. Gründer und CEO Radoslav Albrecht erläutert das Geschäftsmodell und beurteilt die Zukunft der Blockchain-Technologie sowie den Einfluss von Ethereum auf Bitcoin. Interview: Philipp Scherber

Radoslav Albrecht ist Gründer von Bitbond, einer Bitcoin-basierten Darlehensplattform. Zuvor war er Senior Consultant bei Roland Berger im Bereich Restrukturierung. Hier hat er vor allem Finanzdienstleister in Europa und Westafrika bei Integrations- und Refinanzierungsprojekten begleitet. Davor war er bei der Deutschen Bank in London tätig. Bildnachweis: Bitbond/Finovate

BANKINGNEWS: Viele Fintechs haben einen integrativen Ansatz oder greifen auf Kooperationen mit Banken zurück. Ist das für Sie langfristig gesehen überhaupt eine Option?

Es gibt Segmente, in denen das tatsächlich für uns sinnvoll sein kann. Der Begriff „Unbank“ zielt darauf ab, dass wir und in erster Linie unsere Nutzer von Banken unabhängig sind. Wir sind in vielen Regionen der Welt erreichbar, in denen die Leute aufgrund eines schlichten Nicht-Vorhandenseins von Banken in ihrer Nähe keinen Zugang zu formalen Finanzdienstleistungen haben. Eine Zusammenarbeit könnte dann sinnvoll sein, wenn Banken nach attraktiven Möglichkeiten suchen, um Kundengruppen trotz mangelnder Infrastruktur vor Ort zu erreichen. Wo es nicht geschehen wird, ist in unserer Infrastruktur. Alle Zahlungstransaktionen laufen bei uns ausschließlich auf der Basis von Bitcoin ab. Das soll auch in Zukunft so bleiben, weil es uns erlaubt, in jedem Land der Erde aktiv sein zu können und gleichzeitig unsere Kosten sehr gering zu halten. Sobald man eine Partnerbank braucht, was bei vielen Fintechs der Fall ist, wird es teurer.

„Zugang ohne Bankkonto“

Wer greift hauptsächlich auf Ihr Angebot zurück?

Die Darlehensnehmer sind tendenziell Selbstständige und Kleingewerbetreibende, die ein E-Commerce-Business, z.B. einen eigenen Online-Shop, haben oder ihre Waren über Marktplätze wie eBay, Amazon oder MercadoLibre vertreiben. Geographisch sitzen 40-50 Prozent unserer Kunden in den angelsächsischen Ländern. Es gibt außerdem eine starke Nachfrage aus dem lateinamerikanischen Raum. Zusammen mit Indien machen diese Regionen 80-90 Prozent der Kunden aus. Danach folgen Kontinentaleuropa und asiatische Länder wie Indonesien und die Philippinen.

Wie verfahren Sie bei der Bonitätsprüfung?

Wir fragen wie eine Bank die klassischen personenbezogenen Informationen ab. Dann gibt es eine Online-Identifikation durch eine kurze Videokonferenz. Zur wirtschaftlichen Beurteilung gibt uns der Nutzer ein Leserecht auf seine Online-Konten, z.B. das eBay-Konto, und somit auf Umsatz, Warengruppen, Tätigkeitsdauer und Kundenbewertungen.

Was sind Vorteile und Risiken einer rein auf Bitcoin basierenden Darlehensvermittlung?

Es gibt drei Kernvorteile: Zum einen kann man eine internationale Plattform aufbauen. Wenn ein Darlehensnehmer aus Argentinien von einem Kanadier, einem Deutschen und einem Australier finanziert wird und diese alle ihre Währung nach Argentinien schicken, würde das mehrere Tage dauern und die Transaktionen wären relativ teuer. Wir sprechen hier von kleinen Darlehen bis maximal 10.000 Dollar, bei denen die Gebühren mitunter genauso hoch wären wie die Zinsen, was das Ganze wirtschaftlich sinnlos macht. Bitcoins können hingegen in Sekunden zu extrem geringen Gebühren weltweit versandt werden. Zweitens brauchen wir keine Bank für die Zahlungstransaktion, was die Kosten für uns sowie die Gebühren für unsere Kunden gering hält. Drittens können Kunden, die gar kein Bankkonto haben, Zugang zu unseren Dienstleistungen bekommen. Ein Risiko ist, dass Bitcoin eine noch recht junge Währung ist, deren langfristige Entwicklung noch unklar ist und die möglicherweise sogar irgendwann wieder verschwindet. Wir setzen dennoch voll darauf.

„Ethereum wird Bitcoin guttun“

Zurzeit hat Bitcoin eine geringere Volatilität als früher. Das könnte sich aber auch wieder ändern. Welchen Einfluss hat das auf die Darlehen?

Grundsätzlich hat das keinen allzu hohen Einfluss. Wir freuen uns zwar über eine geringe Volatilität, weil das insgesamt Ruhe in den Markt bringt und die Nutzer weniger Wechselkursrisiken ausgesetzt sind. Aber mittlerweile sind fast alle Darlehen bei uns US-Dollar denominiert. Wenn der Kurs zwischen Darlehensvergabe – bzw. genauer dem Zeitpunkt des Umtauschs in die lokale Währung – und Rückzahlung stark schwankt, sind Sie davon nicht betroffen.

Keine Gebühren für Darlehensgeber und extrem niedrige für Darlehensnehmer. Rechnet sich dieses Modell?

Aktuell noch nicht. Wir müssen noch ein größeres Darlehensvolumen schaffen, um kostendeckend zu arbeiten. Allerdings ist unsere Break-Even-Stelle deutlich geringer als bei einer klassischen P2P-Lending-Plattform. Wir müssen noch etwas wachsen, aber das Ziel ist in Sicht.

Ist Ethereum bzw. die Währung Ether ein Konkurrenzprodukt zu Bitcoin oder wird es dazu beitragen, Kryptowährungen und Blockchain zu etablieren?

Es ist eine Fortentwicklung und sinnvolle Ergänzung. Aus meiner Sicht führt Ethereum dazu, dass digitale Währungen und Blockchain mehr Aufmerksamkeit bekommen. Es greift Schwachstellen auf und verbessert diese. Bitcoin wird es eher guttun. Möglichweise befruchten sich die zwei Währungen, was eine positive Auswirkung auf die Blockchain-Technologie insgesamt haben wird.

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Philipp Scherber, Jahrgang 1987, ist seit Januar 2016 Redakteur bei BANKINGNEWS. Während seines Studiums der Geschichte und Medienwissenschaft, das er mit dem Master of Arts abschloss, sammelte er praktische Erfahrungen im TV- und Online-Journalismus. An der Universität zu Köln verantwortete er von 2012 bis 2016 das Online-Rezensionsjournal www.lesepunkte.de.

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