Die Verbraucherzentrale Hamburg resรผmierte im Februar 2017, dass der Nutzen einer Restkreditversicherung (RKV) in keinem Verhรคltnis zu deren Kosten stehe. Auรerdem seien die Konditionen oftmals zu intransparent. Auch die Verbraucher-Website โFinanztipโ rรคt vom Abschluss einer RKV ab. Mit einer Ausnahme: Baufinanzierung. Genau hier verbirgt sich ein sehr รผberraschendes Detail. In der Baufinanzierung wird im Vergleich zu anderen Konsumentenkrediten deutlich seltener eine RKV abgeschlossen. Dies stellt fรผr David Furtwรคngler, Hauptbevollmรคchtigter der BNP Paribas Cardif Deutschland, eines der eklatantesten Defizite dar, welches durch Politik und Finanz- und Versicherungsbranche gemeinsam gelรถst werden mรผsse. Denkbar sei eine Beratungspflicht zur RKV im Rahmen der Baufinanzierung.
Erkenntnisinteresse, Design und Ergebnisse der Studie
Zur Versachlichung der Diskussion und als Basis fรผr die Weiterentwicklung der RKV hat die Cardif eine Studie in Auftrag gegeben, welche von der Handelshochschule Leipzig (HHL) und den Versicherungsforen Leipzig durchgefรผhrt wurde. โWir wollten in dieser Studie erstmals auch die Kunden zu Wort kommen lassenโ, betonte David Furtwรคngler im Rahmen eines Pressegesprรคchs zur Vorstellung der Studie. Das Erkenntnisinteresse zielte auf drei Bereiche ab: 1.) den gesamtwirtschaftlichen Nutzen; 2.) die Kundenerfahrungen; 3.) Impulse fรผr Weiterentwicklungen. Die Erhebungsmethoden variierten in den einzelnen Teilstudien zwischen der Datenanalyse von Portfoliodaten der untersuchten Kreditinstitute, Endkundeninterviews sowie Online-Befragungen.
Die Studie widerspricht dem Vorwurf, dass die RKV oftmals รผberflรผssig sei. Wรคren 100 Prozent (statt realiter etwa 25 Prozent) der 44,8 Millionen zwischen 2010 und 2015 neu abgeschlossenen Kredite mit einer RKV abgesichert gewesen, hรคtten theoretisch 120.000 Fรคlle vermieden und somit die Ausfallrate um 0,37 Prozentpunkte gesenkt werden kรถnnen. Die Kundenbefragungen ergaben Folgendes: Die Grรผnde, welche nach Aussage der Befragten fรผr sie persรถnlich gegen den Abschluss einer RKV sprachen, liegen vor allem in den ihres Erachtens zu hohen Kosten sowie in einer fehlenden oder unzureichenden Produktinformation. Perspektivisch wรผnschen sich die Verbraucher vor allem eine Flexibilisierung der Police hinsichtlich Kรผndigung, Hรถhe, Dauer und Zahlung sowie eine Entkoppelung von den Kreditmodalitรคten.
Vertriebswege optimieren
Wenn also ein Kunde nicht oder nur unzureichend รผber die RKV informiert wird, kommt es offensichtlich viel seltener zu einem Abschluss. Nun werden die Vertriebswege auch bei Krediten zunehmend digitaler; die Antrรคge werden auf dem heimischen Sofa und immer seltener bei einem Berater in der Filiale abgeschlossen. Dieser kann folglich nicht mehr explizit auf die RKV eingehen, was darauf schlieรen lรคsst, dass bei Online-Krediten die Abschlussrate deutlich niedriger sei als im persรถnlichen Beratungsgesprรคch. Doch dies kann Furtwรคngler auf Nachfrage รผberraschenderweise nicht bestรคtigen. Die Online-Abschlรผsse halten sich mit denjenigen aus persรถnlicher Beratung in etwa die Waage. Eines ist jedoch nicht von der Hand zu weisen: Die Abschlussrate kรถnnte deutlich hรถher ausfallen, wenn der Berater umfassender รผber die RKV informieren wรผrde. Warum dies nicht bereits der Fall ist, lรคsst den externen Betrachter staunen, denn sowohl die hohen Provisionen als auch die deutlich bessere Absicherung des Kreditinstituts sollten doch einen erheblichen Anreiz darstellen, solch eine Police im Zuge der Kreditvergabe anzubieten. Neben einer Diversifikation, Individualisierung und Digitalisierung der Produkte liegt das grรถรte Entwicklungspotenzial demnach in der Optimierung des Vertriebs.
Philipp Scherber war von Januar 2016 bis Oktober 2019 Redakteur bei BANKINGNEWS und bekleidete anderthalb Jahre die Funktion des stellvertretenden Chefredakteurs. Wรคhrend seines Studiums der Geschichte und Medienwissenschaft sammelte er praktische Erfahrungen im TV- und Online-Journalismus. An der Universitรคt zu Kรถln verantwortete er von 2012 bis 2016 das Online-Rezensionsjournal www.lesepunkte.de.

