Haben Sie sich dieser Tage mal den Vollmond angesehen? Sieht es nicht aus, als sei unser Erdtrabant zum Greifen nah? Man müsste mal ein Kind fragen, das schon ein Gefühl für Entfernungen besitzt, aber keine Ahnung hat, wie weit der Mond tatsächlich entfernt ist: „Kind, wie weit denkst Du ist der Mond weg?“ – Haben Sie sich dieser Tage mal die Finanzmarktkrise angesehen? Sieht es nicht aus, als sei ihr Ende zum Greifen nah? Man müsste mal ein Kind fragen, das schon ein Gefühl für Kreditzinsen besitzt, aber keine Ahnung hat, wie groß die Schuldenberge tatsächlich sind…

Und wenn das Kind zurückfragt, „Papa, und wie viele Schulden hat der Mond?“, dann ist es an der Zeit, ein Puzzle zu spielen. Immerhin bringt der Papa ja jeden Tag „Wundertüte Finanzmarkt“-Puzzleteile mit nach Haus. Wir kippen also alle Tüten aus und fangen an zu puzzeln. Da gibt es ein Teil, da ist Merkel drauf, und eines, da ist Sarkozy drauf – und siehe da, die Teile passen zusammen, vermutlich kommen sie genau in die Mitte. Drumherum sammeln wir alle Puzzleteile, die etwas mit dem Rettungsschirm EFSF zu tun haben (ein AAA-Teil, ein Teil mit einem €440-Mrd.-Scheck, eine Slowakei-Fahne). Gleich daneben legen wir alle Teile, die etwas mit dem Rettungsschirmnachfolgerettungsschirm ESM zu tun haben (ein Teil mit „ab 2013“ drauf, eines mit „ab 2012“ drauf, eines mit einem €500-Mrd-Scheck). Dann gibt es eine Gruppe von Puzzleteilen, die mit „EBA“ gekennzeichnet sind. Das steht für European Banking Association, und es gibt genau vier Puzzleteile („5%“, „6%“, „7%“ und „9%“), von denen aber nur eines passt. Und da sind noch vier Teile mit Gesichtern drauf: Barroso, Rehn, Trichet und Draghi. Diese vier Teile markieren die Ecken unseres Puzzles. Schließlich finden wir noch ein paar Teile, die der BIP-Gruppe zuzuordnen sind. Auf diesen Teilen steht mal „IP“, mal „Ifo“ und, in winzig-kleiner Schrift, „Herbstgutachten der Wirtschaftsforschungsinstitute“. So, und jetzt legen wir alle Teile zusammen. Das Ergebnis betrachten wir mit einer modernen Gleitsicht-3D-Brille, und was erkennen wir? Einen Sonnenaufgang…

Die vergangenen Tage waren charakterisiert durch eine beängstigende Weltuntergangsberichterstattung in den Medien einerseits und durch eine verwunderlichbare Kurskorrektur an den Finanzmärkten andererseits. Es besteht nun begründeter Anlass zur Hoffnung, dass, bei aller Vorsicht, ja Demut, wir nahe am Wendepunkt der europäischen Schuldenkrise angekommen sein könnten. EU Kommissions-Präsident Barroso fasste gestern die Ergebnisse der Diskussionen der letzten Wochen in einer 5-Punkte-Roadmap zusammen: Demnach benötigen wir (nicht nacheinander, sondern alles simultan):

1. entschiedene Maßnahmen zur Wiederherstellung der Schuldentragfähigkeit Griechenlands (was unserem Chefvolkswirt Nielsen zufolge einen Schuldenschnitt von 30%-50% bedeuten könnte);
2. eine vollständige Umsetzung des geplanten europäischen Kriseninterventionsarsenals (voll-effizienter EFSF, bereits in 2012 abgelöst durch den ESM; EZB Liquidität);
3. einen koordinierten Ansatz zur Stärkung des Bankensektors (was nach Verlautbarungen aus der EBA auf eine zeitweilige Mindestkernkapitalquote von 9% hinauslaufen könnte);
4. eine beschleunigte Umsetzung wachstumsfördernder Politikmaßnahmen; und
5. eine robuste und integrierte wirtschaftspolitische Führung in Europa.

Angenommen, die Politik einigt sich kurzfristig auf Maßnahmen, und angenommen, die Maßnahmen werden zügig umgesetzt, dann sind wir, was das Thema Schuldenkrise angeht, einen großen Schritt weiter. (Die Risiken verstecken wir heute einfach mal hinter dem Mond.) Ergänzen wir diese optimistische Einschätzung mit den zuletzt ermutigenden Konjunkturindikatoren, so ergibt sich ein Bild, welches sich eher in der jüngsten Aktienmarktrallye widerspiegelt als in der medialen Berichterstattung. Der nächste Vollmond ist am 10. November. An diesem Tag werden wir dem imaginären Kind die gleichen Fragen stellen wie heute…

Foto von Carolina K. Smith,M.D. – www.istockphoto.de

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