Mit der Disruption verhรคlt es sich wie mit allen inflationรคr verwendeten Begriffen: Jeder benutzt sie, aber kaum jemand weiร, was sie genau bezeichnen. Besonders im Bankenumfeld hat sich Disruption zum Modewort fรผr den Wandel der Branche beziehungsweise den Zerfall alter Strukturen entwickelt. Einen Beitrag dazu leisteten die innovationsgetriebenen Fintechs, die provokativ ihre disruptive Macht zelebrieren, also ihr Potenzial, einen Umbruch im klassischen Bankensystem zu bewirken.
Die Frage ist: Befinden wir uns wirklich im Prozess des disruptiven Wandels? Ist das Geschรคftsmodell dieser Branche in seiner aktuellen Form tatsรคchlich dem Untergang geweiht? Was bedeutet Disruption fรผr ein Gewerbe mit รผber 500-jรคhriger Tradition, und warum verbreitet sich keine Panik in der Branche?
Fรผr Banken ist es heute nicht das Internet, das die disruptive Kraft darstellt. Der technologische Fortschritt ist am ehesten mit der Erfindung des Motorwagens vergleichbar. Dieser wurde erst 23 Jahre nach der Jungfernfahrt des ersten Benz im Jahre 1886 zum disruptiven Element fรผr die Pferdefuhrwerke โ durch die Flieรbandfertigung des Modell T von Ford.
Die Disruption findet nicht statt, weil die Technologien selbst die Banken bedrohen. Die Disruption findet statt, weil der Kunde sein Verhalten grundlegend verรคndert hat. Er ist nicht mehr bereit, fรผr klassische Bankdienstleistungen den Preis zu bezahlen und weicht bei margentrรคchtigen Geschรคften auf andere flexible Anbieter aus, die das neue Kundenverhalten verstehen. Disruption ist ein schleichender Prozess, der unbarmherzig bei allen zuschlรคgt, die nicht vorbereitet sind. Also gilt es die Frage zu stellen, wie man sich fรผr den Tag danach aufstellen will.
Sich รคndern โ oder aufgeben
Eine hohe Anpassungsfรคhigkeit mit schnellen Reaktionszeiten und die Reflexion des zugrundeliegenden Geschรคftsmodells waren so von Banken nie vorgesehen. Dabei ist es nur logisch, dass klassische Dienstleistungen nicht mehr nachgefragt werden, wenn der Kunde diese anderweitig bequemer und gรผnstiger erhรคlt. Hinzu kommt das Negativzinsumfeld, in dem Zinsen fรผr Kunden auf ihre kurzfristigen Einlagen ein Marketinginstrument und fรผr die Banken nicht mehr refinanzierbar sind. Auch bei Transaktionen, mit denen Banken frรผher Geld verdienten, ist heute kaum mehr Marge zu erzielen. Der Kunde will vieles gratis und mรถglichst einfach, und irgendwo bekommt er es auch. Was ist die Alternative fรผr die Bankwelt? Sich รคndern โ oder aufgeben!
Banking ist heute massiv technologiegetrieben. Keine moderne Bank kommt zukรผnftig ohne vollstรคndig digitalisierte Prozesse oder spezielle digitale Services aus. Jede Bank muss sich neu fragen, was das Leben ihrer Kunden einfacher gestaltet. Eine unglaubliche Herausforderung fรผr alte Konzernstrukturen, bei der sich schlieรlich die Frage stellt: Wo entsteht die Marge?
Der Faktor Mensch zรคhlt mehr denn je
So notwendig sie ist: Technologische Innovation allein ist nicht alles. Denn sie hat das menschliche Bedรผrfnis nach sozialen Kontakten, nach Vertrauen und Orientierung nicht gemindert. Gerade eine moderne Bank kommt neben allen technologischen Finessen nicht ohne den persรถnlichen Kontakt aus, ohne eine echte Vertrauensperson, die die individuelle finanzielle Situation des Kunden im Ganzen betrachtet. Es geht um ehrliche, faire und verstรคndliche Beratung. Der Kunde benรถtigt jemanden, der ihm professionell zur Seite steht, egal, ob es um Geldanlage, Altersvorsorge oder Versicherungen geht. Wie sehr diese Beratung auch in Zeiten des aufgeklรคrten Kunden vonnรถten ist, lรคsst sich immer wieder in jenen Phasen beobachten, in denen die Kapitalmรคrkte volatil sind und Krisen die Bรถrse in die Knie zwingen. Gerade dann handelt ein Groรteil der Privatanleger wie jeher irrational und desinvestiert, statt zu investieren. Behavioral Finance ist hier das groรe Thema. Der Anleger ist des Anlegers grรถรter Feind.
Ein wichtiger Bestandteil des Geschรคftsmodells der Banken in Zukunft wird sein, dass sie zum โKnowledge Distributorโ werden, wie Francisco Gonzรกles, CEO der BBVA postuliert, und das in Form einer individualisierten, vertrauenswรผrdigen Beratungsleistung. Fรผr die bezahlen Kunden รผbrigens auch gerne, wenn sie den Mehrwert erkennen, den sie dadurch erhalten.
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Jochen Werne ist Direktor Marketing & Business Development bei Bankhaus August Lenz.

