Herzlichen Glückswunsch, Deutschland! Wenn mich nicht alles täuscht, besitzt Deutschland bald den größten AAA-Bondmarkt der Welt. Tja, hätten wir in den vergangenen Jahrzehnten nicht so viele Schulden gemacht, wäre uns dieser Titel wohl verwehrt geblieben. Gefühlt ist das Triple-A für Germaaany damit sogar ein Quadruple-A! Auslöser für diese Beförderung war die Ratingagentur Standard & Poor’s: Am Freitag, kurz nach Börsenschluss in den USA, senkte die Agentur die Kreditwürdigkeit der USA auf AA+ und garnierte diese Entscheidung mit einem "negativen Ausblick". Nur, damit keine Missverständnis auftauchen: Damit genießt der amerikanische Staat noch immer eine sehr, sehr hohe Kreditwürdigkeit, nur eben nicht mehr die allerhöchste. Bemerkenswert an der Entscheidung: S&P hatte sich in seiner Analyse um die Kleinigkeit von zwei Billionen Dollar verrechnet. Das US Finanzministerium machte die Kollegen darauf aufmerksam ("Sorry, guys, only a minor correction, please…"), woraufhin S&P den Rechenfehler zwar eingestand, ihre Ratingentscheidung jedoch nicht zurück nahm. Hauptgrund für die Abwertung sind denn auch weniger irgendwelche hochgerechnete Zahlenkolonnen, wonach der amerikanische Schuldenstand in hundert Jahren ein Zehntel Prozent mehr oder weniger vom BIP ausmacht, sondern die Zweifel der Analysten an dem politischen Apparat in Washington D.C. Die Monate langen Verhandlungen über eine Anhebung der Schuldengrenze habe aufgezeigt, dass den Beteiligten offenbar nicht wirklich klar ist, was hier auf dem Spiel steht. Die Glaubwürdigkeit der US Politik hat unter dem Schuldenstreit enorm gelitten.

Glaubwürdigkeit ist in den Finanzmärkten ein hohes Gut. In schwierigen Zeiten wie diesen wird gerade auch von den intervenierenden Politikern eine hohe Glaubwürdigkeit abverlangt. Wie man die Marktteilnehmer allerdings kaum überzeugen kann, wurde vergangene Nacht im Rahmen eines Lustspiels in vier Akten aufgezeigt: Zunächst einigten sich Angela Merkel und Nicolas Sarkozy auf ein ziemlich unkonkretes Statement, in welchem die Beschlüsse vom 21. Juli (Griechenland-Rettung 2.0!) noch einmal aufgeführt und eine schnelle Umsetzung derselben angemahnt wurde. Im zweiten Akt kurze Zeit später meldete sich die EZB mit einer Presseerklärung, in welcher sie das Statement von Merkel und Sarkozy ausdrücklich begrüßt. Wieder nur wenige Minuten später meldeten sich im dritten Akt die G7 Finanzminister mit einer Aussendung, in welcher sie das Statement von Merkel und Sarkozy sowie die Presseerklärung der EZB ausdrücklich begrüßen. Zum furiosen Finale im vierten Akt kam der Internationale Währungsfonds zu Wort. Der IWF ließ sich nicht lumpen und begrüßte das Statement von Merkel und Sarkozy, die Presseerklärung der EZB sowie die Aussendung der G7.

Neben den anerkennenden Worten – was wurde in den verschiedenen Statements noch so gesagt, und was nicht? Merkel und Sarkozy haben sich offensichtlich nicht darauf verständigen können, kurzfristig eine Anhebung des Kreditvolumens für den Rettungsfonds EFSF zu diskutieren. Die EZB will ihr Anleihen-Ankaufprogramm "aktiv umsetzen". Das deutet zum einen darauf hin, dass man in Frankfurt nicht in einer passiven Zuschauerrolle verharren möchte. Außerdem sieht es ganz danach aus, als würden ab heute auch spanische und italienische Anleihen durch EZB-Käufe gestützt. Dieser Plan wurde offensichtlich möglich, nachdem Berlusconi und Zapatero weitere Sparzugeständnisse abgerungen wurden. Italien will nun bereits in 2013 und damit ein Jahr früher als bislang geplant einen ausgeglichenen Haushalt vorlegen. Von Spanien wird für heute die Ankündigung eines neuen Sparpakets erwartet. Die G7 schließlich versprachen im Wesentlichen, die Liquiditätsversorgung im globalen Bankensystem sicherzustellen und gegebenenfalls koordiniert gegen exzessive Wechselkursschwankungen vorzugehen. Morgen Abend entscheidet die US Notenbank Fed, wessen Statement sie begrüßt und ob und inwieweit sie an den Finanzmärkten zu intervenieren gedenkt.

Die Marktstimmung heute früh ist nicht ganz so dramatisch wie man es hätte befürchten können: Die Aktienmärkte sind zwar relativ fett mit 2% bis 5% im Minus, dies aber ziemlich stabil; Crash-Tendenzen sind nicht erkennbar. US Treasuries legen zu, nachdem sie am Freitag Abend in Antizipation des Downgrades noch senkrecht abgestürzt waren. Der US Dollar ist etwas schwächer, AUD & NZD sehr viel schwächer; EUR & JPY etwas, der CHF deutlich fester. Die Rohstoffpreise befinden sich im Sinkflug, da sie ein Risky Asset sind und da allgemein schwächeres Wachstum und ein schwächerer Dollar befürchtet wird. Viel Bewegung werden wir heute in den EWU-Anleihen sehen: Spanien und Italien werden outperformen. Und Bundesanleihen werden (nach einem anfänglichen Rückschlag) haussieren, ihre Kurse werden im Glanze dieses Glückes strahlen. Niedrigere Renditen werden für Deutschland wie ein Konjunkturpaket wirken, was dazu beitragen wird, die kommende konjunkturelle Abschwächung abzufedern. Gut gemacht. Herzlichen Glückwunsch, Deutschland!

Foto von Mark Wragg – www.istockphoto.com

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Kornelius Purps ist Fixed Income Strategist bei der UniCreditBank AG.

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