Autor: Joris Luyendijk
Euro:19,95
320 Seiten, gebunden
ISBN: 978-3-608-50338-8
Tropen Verlag
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Banken-Bashing ist gerade in Mode und wer sich dieser Stereotypen bedient, muss sie nicht einmal nรคher erlรคutern, damit sein Gegenรผber wohlwollend mit dem Kopf nickt. Will sich einer von Klischees nicht bedienen lassen und seinen fluchenden Gesprรคchspartner bittet, seine Meinung nรคher zu begrรผnden, merkt schnell die Unwissenheit รผber Banken und Banker. Ihnen wird Gier vorgeworfen und eine fehlende Reflexion รผber ihr schรคndliches Tun vor, wรคhrend und nach der Krise.
Nicht รผber Banker reden, sondern mit ihnen
Der Niederlรคnder Joris Luyendijk verstand genauso wenig wie die meisten seiner Zeitgenossen von der Banken- und Finanzwelt. Nur hat er sich nicht mit Klischees und Stereotypen zufrieden geben wollen. Er vermied es aber, mit echten und vermeintlichen Experten รผber Banker zu reden, er redete mit ihnen. Sie sollten ihm einen Einblick in ihre Gedanken- und Geschรคftswelt geben. Luyendijk wandte diese Methodik schon einmal an, als er sich รผber Elektroautos informieren wollte. Wรคhrend hier die Gesprรคchspartner Schlange standen, verhielt es sich bei den Bankern in der City, Londons Finanz- und Bankendistrikt, genau anders. Der รผber alles schwebende Schweigekodex wirkte wie ein Maulkorb, auch รผber das Ende der Vertragslaufzeit hinaus.
Nur Anonymitรคt sichert Gesprรคchspartner
Diese Omertร stahl Luyendijk, der diese Recherche im Namen der linksliberalen, englischen Zeitung โThe Guardianโ betrieb, schnell die Hoffnung, auf einfachem Wege Gesprรคchspartner zu finden. Also rief er einen Blog ins Leben und sicherte allen willigen Bankern eine allumfassende Anonymitรคt zu. Dieser neue Schritt wurde sogleich belohnt und die Ersten meldeten sich.
Planet Finance
Schnell musste Luyendijk merken, dass es โdie Bankโ nicht gibt. Vielmehr arbeiten mehrere Abteilungen autonom und wissen wenig bis gar nichts รผber ihre Kollegen. Es sind auch nicht alle Abteilungen fern der Realwirtschaft unterwegs. Anstatt also von โdie Bankโ zu reden, entschied er sich fรผr die Bezeichnung โPlanet Financeโ. Hierunter fรคllt natรผrlich auch der Privatkundenbereich, deren Hauptumsatz mit Aktivitรคten erzielt wird, die schon Oma und Opa kannten. Alle Betroffenen legten groรen Wert darauf, dass dies eine gรคnzlich andere Welt im Vergleich zu den Investmentbankern ist.
Luyendijk lรคsst die Betroffenen sprechen
Eine Stรคrke des Buches ist ohne Zweifel, dass Luyendijk nicht รผber die Banker spricht, sondern mit ihnen. Er geht sogar darรผber hinaus und lรคsst sie zu Wort kommen. Es sind dabei nicht nur Investmentbanker, sondern auch Operational Risk Officer, IT Manager, Quants, Human Ressource Manager und noch weitere Mitarbeiter mit tollen Titeln. Dem Leser wird kein makroรถkonomischer Blick auf die Bank gewรคhrt, sondern ein mikroรถkonomischer. Der Einblick in das Innere einer Bank zieht den Leser sofort in den Bann.
Luyendijk handelt hier wie ein Ethnologe, der ein Naturvolk untersucht. Er beobachtet, hรถrt zu und versucht dabei vorurteilsfrei zu sein. Er erhebt zu keinem Zeitpunkt den Anspruch, die Wahrheit gepachtet zu haben und einen allumfassenden Blick in die City zu gewรคhrleisten. Ein Einwand, den der Autor selber anmerkt, ist, dass sich meistens die unzufriedenen Banker melden, die ihren Unmut freien Lauf lassen. Dabei ist es durchaus interessant, die Beweggrรผnde zu hรถren, weshalb sie dennoch bei der Bank bleiben. Es ist nicht nur das Geld, sondern alles in allem auch eine intellektuell herausfordernde Position. So berichtete eine Personalerin zwar von willkรผrlich anmutenden Entlassungen, die ihr schwer zu schaffen machen, aber gleichzeitig von einem geistigen Hochgenuss, gegen einen renommierten Arbeitsanwalt ein Duell vor Gericht zu gewinnen.
Horizont wird erweitert
Auch wenn der Autor keine neuen Erkenntnisse รผber die Bankenwelt ans Tageslicht fรถrdert, schlieรlich ist alles schon einmal geschrieben worden, lohnt es sich allemal, das vorliegende Buch zu lesen. Luyendijk geht nicht volkswirtschaftlich vor und argumentiert auch nicht mit einem auf Zahlen basierten Blickwinkel, sondern aus den Augen der betroffenen Mitarbeiter heraus. So รถffnen sich dem Leser wahrlich die Augen und er lernt eine andere Sicht der Dinge kennen.
Bildnachweis: Tropen Verlag
Julian Achleitner war von 2014 bis 2016 Redakteur bei BANKINGNEWS.

