Guten Morgen, heute ist Mittwoch, der 20. Oktober 2010 !

  • 0,25 zu 0,25: China hebt Ausleih- sowie Einlagenzinssatz an und beraubt die Anleger damit ihrer Risikofreude
  • 10,3 zu 3,5: BIP- und CPI-Zahlen aus China in der kommenden Nacht werden Market Mover sein
  • 3 zu 2: Fed-Vertreter pro Quantitative Easing konnten gestern knapp gewinnen

Unwissenheit schützt vor Strafe nicht. Das erfahren wir auf der Urlaubsreise im Ausland ("Ich dachte, die 0,0‰ beziehen sich auf den Leitzins bei euch?!?") oder beim Erwerb amerikanischer Hypothekendarlehen ("Hypo Real Estate geht aus der jüngsten Marktkrise gestärkt hervor.“ Georg Funke im November 2007). In der Oberpfalz wurde nun eine Rentnerin auf frischer Tat ertappt, wie sie sich liebevoll um ihre drei Meter hohe Cannabispflanze kümmerte. Sind fand die Blätter so schön, hatte jedoch keine Ahnung, um welch Gewächs es sich handelte. Die Pflanze wurde konfisziert und gegen die Dame "von Amts wegen" ein Ermittlungsverfahren eingeleitet…

Die Notenbank Chinas hat gestern zwei ihrer Leitzinsen angehoben. Wir wissen nicht warum und können nur hoffen, dass die Zentralbanker selbst wissen was sie da warum tun. Wie üblich gab die PBOC kein ihr Handeln erläuterndes Statement heraus. Man stelle sich vor, die EZB würde ihren Leitzins ändern und nicht erläutern warum… Analysten weltweit leiteten von Berufs wegen ein Ermittlungsverfahren gegen die Peoples Bank of China (PBOC) ein, um Hintergründe und Motive der Maßnahme zu erforschen. Zunächst die Fakten: Der Zins für einjährige Ausleihgeschäfte wurde um 25 Bp auf 5,56% angehoben, derjenige für einjährige Einlagengeschäfte um ebenfalls 25 Bp auf 2,25%.

Erwartungsgemäß kam der Schritt unerwartet. Mal ganz ehrlich: Wer von uns geht abends ins Bett und fragt vor’m Einschlafen: "Du Liebling, glaubst Du, dass die Chinesen morgen die Zinsen anheben? Gute Nacht Schatz. Gute Nacht John-Boy! Gute Nacht Mary Ellen!" Unter Marktbeobachtern kursieren die folgenden sieben (!) Erklärungsansätze für die Zinsanhebung in China:
 

1. Einbremsen der Inflation. Diese war zuletzt auf 3,5% gestiegen, vor einem Jahr war sie noch negativ. Am Donnerstag kommen Inflationszahlen. Diese könnten stärker ausfallen als es John-Boy erwartet.
2. Einbremsen des Wachstums. Dieses lag zuletzt bei 10,3%. Am Donnerstag kommen BIP-Zahlen. Diese könnten stärker ausfallen als es Mary Ellen erwartet.
3. Abkühlung der Überhitzung am Immobilienmarkt.
4. Einbremsen der Kreditvergabe.
5. Indirekte Maßnahme zur Aufwertung des Yuan ggü. dem US Dollar. (Dürfte bei den existierenden Kapitalverkehrskontrollen einigermaßen schwer fallen.)
6. Indirekte Maßnahme zur Aufwertung des Yuan mit dem US Dollar gegenüber anderen Währungen. (Das geht so: China hebt Zinsen an à Risikoaversion steigt à Flucht in USD à USD steigt à CNY steigt).
7. Mitbringsel für die anstehenden G-20-Gespräche.

In Analystenkommentaren überwiegt die Einschätzung, die Zinsanhebung hätte nichts mit irgendwelchen Wechselkursdiskussionen zu tun, sondern diene ausschließlich der Abkühlung heimischer Überhitzungstendenzen (Inflation, Wachstum, Immobilien, Kreditvergabe – von allem etwas). Die Reaktion der Märkte war allerdings gewaltig und geprägt von einer generellen Abnahme der Risikofreude: Alle Wechselkurse drehten sich um. USD fest, EUR, CHF, JPY, Emerging Markets- und Rohstoffwährungen schwach. Aktien tendierten schwächer. Rohstoffpreise kollabierten. Auch am Goldmarkt herrschte großes Grunzen über die Unzen (von $1.370 auf $1.330). Heute morgen sieht es nicht danach aus, als würden sich diese Entwicklungen fortsetzen. Trotz schwacher Quartalszahlen (Yahoo!, BofA, Goldman) zeigen die US Futures nach oben. Selbst Chinas Aktienmarkt schloss im Plus. Und EUR-USD orientiert sich nach einem Kurzbesuch unterhalb der 1,37 schon wieder in Richtung 1,38.

Drittes Top-Thema neben China und den Quartalszahlen ist der Ausblick für das QE 2.0 der Fed. Gestern bezogen fünf Fed-Banker Position. Ergebnis: 3:2 für mehr Quantitative Easing. Heute gibt es zwei weitere Reden und dazu das Beige Book. In Großbritannien werden die Minutes des letzten Treffens der Bank of England veröffentlicht. Auch hier könnten Hinweise auf eine mögliche Wiederaufnahme geldpolitischer Lockerungsmaßnahmen enthalten sein. Garniert wir das ganze mit 23 weiteren Quartalsberichten und zunehmenden Spekulationen über die morgen früh zur Veröffentlichung anstehenden Inflations- und Wachstumszahlen aus China. Damit Sie diese Daten nicht überraschen, fragen Sie sicherheitshalber heute Abend mal Ihren Partner, was er oder sie da so erwartet…

 

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Dies ist ein humoristischer Marktkommentar und keine Anlageberatung. Die Einschätzungen des Autors beruhen auf Informationen, die auf öffentlich zugänglichen, als verlässlich eingeschätzten Informationsquellen basieren. Weitere Informationen finden Sie im Disclaimer.
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Kornelius Purps
Fixed Income Strategist
Director
MRE4FI
UniCredit Research

kornelius.purps@unicreditgroup.de

Kornelius Purps Corporate & Investment Banking
UniCredit Bank AG

www.unicreditgroup.eu

 

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