Im Laufe eines Lebens verliert man ja so einige Dinge. Das meiste Zeuch findet man nach kurzer Suche wieder, einiges erst nach langer Forschung und manches nie. Das Ding bleibt verschollen, bisweilen auf unerklärliche Weise. Im Alter von etwa elf Jahren bekam ich mein zweites Brillengestell. Aber bereits nach einer Woche war die Brille weg. Futschikato. Sie tauchte nie wieder auf. Heute würde man vermuten, die Brille sei wegen ihres hohen Gehalts an wertvollen Metallrohstoffen über dunkle Kanäle ins Ausland geschmuggelt worden. Aber damals? Vor über dreißig Jahren? Eine Zeit lang schien es, als hätte ich meine Harry Potter‘sche Fähigkeit des Brilleverschwindenlassens auf meine Tochter übertragen. Sie besaß ihre erste Brille kaum vier Wochen. Dann war sie weg. Futschikato. Anruf beim Zoll: „Kennen Sie die gemeine Brillenschmugglerbande?“ Gestern, acht Wochen nach dem Zolltelefonat, das Wunder: Beim Frühjahrsputz im Familienauto öffnete ich eher zufällig das mir bis dato weitestgehend verborgen gebliebene Sonnenbrillenfach im Dachhimmel. Da drin: Tochters Brille. Anruf beim Vater: „Hatte unser VW Käfer ein Sonnenbrillenfach im Dachhimmel?“ Tochter froh. Mama froh. Papa froh. Was für ein schöner Sonntag…

Auch den Finanzmärkten ist unlängst ein Ding verloren gegangen: Ein Ding namens Angst. Oder wurde die Brille der Angst etwa nur ausgetauscht durch die Brille Rosarot? Nachdem die Aktienmärkte und EWU Peripherieanleihen schon seit einigen Wochen davonpreschen, ziehen seit ein paar Tagen auch die Bondrenditen nach. Als Auslöser für diese Entwicklung gilt zum einen die gedämpfte Hoffnungen auf mehr Quantitative Easing-Liquidität der US Notenbank nach der Rede von Ben Bernanke vor knapp zwei Wochen. Zum anderen wirkte der reibungslose Schuldenschnitt in Griechenland entangstend. Diesbezüglich wird heute ermittelt, wie viel Euro die Schreiber von Kreditausfallversicherungen bezahlen müssen (übrigens durch eine Art Auktionsverfahren, nicht durch neubayrisches Schnick-Schnack-Schnuck!). Marktreaktion: Ohne Brille mit Colaflaschenböden vermutlich nicht zu erkennen.

Viele Monate lang galten die Bondrenditen in Deutschland, den USA und Großbritannien als viel zu niedrig und fundamental nicht gerechtfertigt. Trotzdem wurde jeglicher Ansatz von Renditeanstieg schon im Keim angsterstickt. Wir Analysten wurden nicht müde, das Nullzinsniveau mit 1001 Gründen zu erklären. Nun fehlen zwei Gründe, und wir beginnen, den Renditeanstieg mit 999 Erklärungsansätzen zu ergründen. Und ich höre sie schon rufen, die I told you so-Vertreter der späten neunziger und mittleren nullinger Jahre: „Die Jahre lange Jahrzehnte lange säkulare Rallye an den Rentenmärkten hat ihr Ende gefunden!“ Gemach, gemach. Jetzt korrigieren wir mal ein bisschen nach oben, aber wehe, irgendwo verliert einer seine Brille, dann geht‘s auch ratzfatz wieder in die andere Richtung.

Für den Moment jedoch würde ich den Bären im Bondmarkt folgen. Bislang war der AAA-Staatsanleihenbereich der Hort des Kapitalerhalts, und mit ein wenig Glück gab‘s sogar noch ein paar Kursgewinne. Aber was denkt ein Investor, der die ersten zwanzig Prozent Aktienkursgewinne mit dem „Safety First“-Argument hat sausen lassen, jetzt? Nicht nur, dass die Risky Asset Märkte ohne ihn davon gelaufen sind, jetzt gibt‘s auch noch Verluste im Sicheren Hafen. Mit Blick auf das nahende Quartalsende dürfte der Druck auf das hochbewertete Rentenpapieruniversum wohl vorerst noch anhalten. Vielleicht kommt in den nächsten Tagen sogar etwas Unterstützung von der fundamentalen Seite hinzu: Ein reichhaltiger Datenkranz zum US-amerikanischen Immobilienmarkt könnte einer breiteren Anlegerschaft die Vermutung nahe legen, dass wir hier in eine „konjunkturstabilisierende nachhaltige Bodenbildungsphase“ eingetreten sind. Bislang war diese Einschätzung nämlich ausschließlich den Rosarotbrillenträgern vorbehalten…

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Kornelius Purps ist Fixed Income Strategist bei der UniCreditBank AG.

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