Der derzeitige Trend der Finanzbranche hin zur postulierten Innovationskraft, die รคhnlich einem spirituellen Ritual immer und immer wieder in der aktuellen Managementliteratur und bei Kongressen gepredigt wird, ist aus meiner Sicht zu kurz gegriffen und ohne nennenswerte Substanz. Um es noch etwas schรคrfer zu formulieren: Viele ManagerInnen in der Finanzwirtschaft verordnen ihren Unternehmen Innovationskraft als Reaktion auf den verรคnderten Markt durch aufkeimende Fintechs, ein verรคndertes Kundenverhalten und die Kraft der digitalen Technologien. Dabei wird leider allzu gerne vergessen, dass Innovationsfreudigkeit nicht allein durch die Installierung einer Abteilung entsteht, sondern durch die Entwicklung eines gemeinsamen unternehmerischen Geistes. Aber wie kommt man zu diesem schรถpferischen Geist im Unternehmen? Oft beklagen sich die Gesellschafter von Unternehmen bei mir รผber den fehlenden โSpiritโ in ihrer Firma.
Eine Reise ins menschliche Gehirn
Um dieser Frage nรคher auf den Grund zu gehen, mรผssen wir einfach eine Reise in unser Gehirn antreten: Dort liegen die Antworten offensichtlich โauf der Handโ. Denn das Gehirn des Menschen entwickelt seine Intelligenz durch Training. Einfach gesagt heiรt das: Je mehr es gefordert wird, umso mehr Nervenzellenverbindungen und synaptische Verschaltungen entstehen in den jeweiligen Gehirnregionen. Diese Vernetzungen verรคndern sich ein Leben lang und werden durch รคuรere Stimulanzen (bereits im Mutterleib) stark beeinflusst. Wir Menschen entfalten heute daher andere Potentiale als noch unsere Vorfahren. Nach wie vor aber kรถnnen wir unsere Potentiale nur gemeinsam entfalten. Wir brauchen dazu individualisierte Gemeinschaften, in denen jedes Mitglied die ihm angelegten besonderen Begabungen entfalten und in das Kollektiv einbringen kann.
Verbundenheit und Freiheit
Wir Menschen brauchen daher die Verbundenheit mit Gemeinschaften und zugleich auch die Freiheit. Und dabei ist es egal, ob wir diese beiden Faktoren im privaten Kontext einer Partnerschaft oder im Unternehmen betrachten: Verbundenheit und Freiheit!
Im Gehirn eines kreativen Menschen lรคsst sich mit Hilfe der sogenannten funktionellen Magnetresonanztomographie nachweisen, dass gleichzeitig mehr und entfernter voneinander liegende Netzwerke aktiviert werden, wenn der Proband ein bestimmtes Bild betrachtet. Legt man diese Erkenntnisse auf eine Organisation um, bedeutet das: Nicht nur die Anzahl der Mitglieder in einem Netzwerk sind ausschlaggebend, sondern auch die Unterschiedlichkeit von Wissen und Begabungen sind fรผr einen innovativen Prozess von Bedeutung. Kreativitรคt und Innovation heiรt ja in der Regel nicht, Neues zu erfinden, sondern bisher voneinander getrenntes Wissen miteinander neu zu verbinden.
Frustration statt Entdeckergeist und Start-up-Spirit
Eine nachhaltige Innovationsenergie in einem Unternehmen ist daher nur durch die Freiheit individueller Potentiale bei gleichzeitiger Verbundenheit zu einer wertschรคtzenden, durch einen gemeinsamen Geist getragenen Gemeinschaft mรถglich. Start-up-Unternehmen sind genau von dieser gemeinsamen Idee getragen, bei der sich mรถglichst ergรคnzende Charaktere fรผr eine gewisse Zeit zu einer Gemeinschaft zusammenschlieรen. Beim Betreten dieser Bรผros spรผren Sie dann auch gleich diesen vielzitierten โSpiritโ. Aber warum tun sich hier traditionelle Finanzunternehmen so schwer, ebenfalls wieder diesen Entdeckergeist zu aktivieren?
Ganz einfach: Weil dank der jahrelangen Kostenreduktionsprogramme, Prozessoptimierungsprojekte und Organisationsentwicklungen die Mitglieder einer Gemeinschaft (oder nennen wir sie der Einfachheit halber โMitarbeiterโ) zunehmend bereits eine Frustrationshaltung eingenommen haben.
Individuelle Potenziale fรถrdern und vernetzen
Keine Frage: Kostenoptimierungen sind jederzeit notwendig und wichtig. Verรคnderungen und Anpassungen von Organisationen an neue Marktgegebenheiten ebenso. Wenn aber das Selber-Denken nicht mehr wertgeschรคtzt wird und eigene Verantwortung nichts mehr zรคhlt, beginnen sich MitarbeiterInnen โ egal in welcher Branche โ durch Resignation sukzessive aus der Gemeinschaft zurรผckzuziehen.
Oder anders gesagt: Die emotionale, subjektive Verbindung zur gemeinsamen Idee und Positionierung zum eigenen Unternehmen weicht einer objektiven, neutralen Haltung als Arbeitgeber. In diesem Klima kรถnnen keine neuen Verbindungen und somit auch keine Innovationen und kreativen Ideen entstehen โ egal, ob es dabei um die emotionale Optimierung von Kundenbindungen oder um neue Produktangebote geht.
Langfristig werden daher nicht jene Finanzunternehmen erfolgreich sein, die ihre Mitarbeiter als Objekte zur Umsetzung ihrer Auftrรคge sehen, sondern jene Unternehmen, die individuelle Potentiale fรถrdern und diese in einer werteorientierten Gemeinschaft vernetzen. Das ist nicht nur das Geheimnis der Spezies Mensch, sondern ist auch zentraler Mittelpunkt einer wissensbasierten Gesellschaft.
Liebe ManagerInnen: Nutzen Sie bitte das kollektive Wissen Ihrer MitarbeiterInnen und fรถrdern Sie damit deren Verbundenheit zu ihrem Unternehmen. Geben Sie ihnen gleichzeitig die Freiheit, ihre Begabungen und Potentiale zu vernetzen! Denn der Geist entsteht aus der Vernetzung der kreativen Potentiale in Ihrem Unternehmen und kommt leider doch nicht aus der Flasche.
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Werner Schediwy ist Grรผnder und Geschรคftsfรผhrer des Beratungsunternehmens DenkConsult. Als Wissensmanager analysiert er die Potenziale der Unternehmen und unterstรผtzt markenzentrierte, digitale Entwicklungen. Dabei stehen Kunden und Mitarbeiter im Mittelpunkt. Zudem ist er Referent bei internationalen Fachkongressen/Fachhochschulen und Vize-Prรคsident des DMVร (Dialog Marketing Verband รsterreich) und des FMVร (Finanz-Marketing Verband รsterreich). Davor war er seit mehr als 20 Jahren Marketingmanager/Marketingleiter in รถsterreichischen und deutschen Groรbanken.

