oder: Was man vom aktuellen G-20-Gipfel erwarten sollte

Einmal mehr versucht die Politik im Rahmen der G-20-Absprachen einen global wirksamen Nenner für den Umgang mit den Folgen der Finanzkrise zu finden. Dabei liegen, wen wundert’s, besonders die angelsächsischen und die kontinentaleuropäischen Positionen am weitesten auseinander.

Was immer in diesem Prozess am Ende heraus kommen wird die Frage ist berechtigt was wir Menschen eigentlich von freizügigen Kapitalmärkten haben. Angefangen hat diese Entwicklung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts mit der Finanzierung des Eisenbahnbaus. Namentlich die Gründung der Deutschen Bank erfolgte unter anderem auch deswegen, weil man das Kapital für so gewaltige Unternehmen wie dem Aufbau eines nationalen und internationalen Schienennetzes nicht mehr durch Privatbankiers aufbringen konnte.

Und so ging es durch alle Krisen hindurch weiter. Gewaltige weltweite Infrastrukturen beispielsweise für das Telefon und später auch für Computer, Transportsysteme auf Straßen und in der Luft, weltraumgestützte Beobachtungs-, Kommunikations- und Leitsysteme, ja sogar die Containerschifffahrt, die uns im Winter die Erdbeeren beschert, sind nur möglich geworden weil es gelungen ist die Finanzierung all dessen durch funktionierende Kapitalmarktsysteme zu stemmen. Das die benötigten Gelder stets zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort angekommen sind verdanken wir einer innovativen Finanzindustrie die sich ihre Pfiffigkeiten freilich auch fürstlich bezahlen lässt.

Die Aussichten auf satte Gewinne der Banken gehen natürlich immer mit entsprechend hohen Risiken einher. Risiken zu begrenzen kostet Geld was wiederum zu Lasten der Eigenkapitalrendite der Banken geht. Es ist nachvollziehbar wenn man dort nur das minimal erforderliche an Risikovorsorge betreibt.

Endlich braucht es also einen Regulierer der ein gesundes Maß öffentlicher Vorsicht in diesem Geschäft definiert und dann aber auch konsequent durchsetzt. An dieser Stelle sind wieder die Regierungen der einzelnen Länder gefragt politisch und juristisch geeignete Rahmenbedingungen zu bilden, die eine effektive und effiziente Regulierung erst ermöglichen. Für die Europäischen Union ist das besonders problematisch. Keine ihrer Mitglieder will seine historische gewachsene Vorstellung von Finanzaufsicht aufgeben. Das Gezänk um den Larosière-Bericht spricht da Bände.

Nun preist sich Kanada als Vorbild für eine funktionierende Bankenregulierung, die den Unbilden der Finanzkrise strotzen konnte. Aber, so groß und so weit das Land, so klein und überschaubar ist sein Finanzsektor. Eins kann man gleichwohl von den Kanadiern lernen. Ob mehr oder weniger strenge Vorschriften, es kommt darauf an dass sich eine Aufsichtsbehörde gegenüber den Banken auch durchsetzen kann. Das gelingt einerseits mittels un-bestreitbarer Fachkompetenz, andererseits durch wirkmächtiges Auftreten gegenüber den Beaufsichtigten und politischen Partikularinteressen. Ist erst einmal eine Atmosphäre gegenseitigen Respekts und fachlicher Anerkennung geschaffen und sind sich alle Beteiligten darüber im Klaren, dass die Interessen jeder Seite vernünftig gegeneinander abgewogen werden müssen, bleibt am Ende genügend freier Spielraum, um die erforderlichen Anpassungen im globalen Finanzmarktgeschehen entsprechend vornehmen zu können. So stünde auch weiterhin immer ausrei-chend Kapital für neue und wichtige Projekte zur Verfügung die ja gerade vor dem Hintergrund der drängenden Energiegewinnungsfragen nicht weniger werden.

Der Wunsch nach wie vor Erdbeeren im Winter kaufen zu können kann in der Summe mehr bewirken als staatliche Konjunkturprogramme, die mit astronomischen Staatsverschuldungen nur noch mehr unübersehbare Finanzrisiken schaffen.

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Thomas Seidel ist Freier Journalist für Wirtschaft & Finanzen.

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