Lesen Sie Purps!

  • Streitfall Euro-Bewertung: Er ist schwach, aber immer noch fester als fair
  • Sündenfall Euro-Prognose: Je mehr einen schwachen Euro erwarten, desto mehr erwarten einen festen Euro
  • Sonderfall Euro-Anleihe: Niederlande demonstrieren mit neuem 30J-Bond Selbstbewusstein

Guten Morgen, heute ist Dienstag, der 18. Mai 2010 !
Von Kornelius Purps ,Fixed Income Strategist, UniCredit Bank AG – Das auch noch. Als hätten wir nicht schon genug Probleme, fällt jetzt auch noch unser Capitano aus. Der Teilriss des Ligamentum tibiofibulare anterius setzt Michael Ballack für die kommenden Wochen unwiderruflich außer Gefecht. Eine Stunde nach Bekanntwerden dieser Malaise meldete sich der Sport Informations-Dienst (SID) mit einer denkwürdigen Meldung zu Wort. Noch am Sonntag, so der SID, habe Jogi Löw gemeint, „dass sein verlängerter Arm am Montag in London in die Röhre geschoben wird“. Bei derlei anatomischer Flexibilität dürfte wenigstens unser Torwartproblem gelöst sein. Der SID präsentierte mit Berti Vogts und Rudi Völler auch gleich die ersten O-Töne zu Ballacks Ligamentum-Lapsus. Offensichtlich fand sich auf die Schnelle niemand, der näher am adlerlosen Adler-Team dran ist. Von Berti Vogts hätten wir eigentlich eine Stellungnahme zum EU Finanzministertreffen erwartet („Wir wissen alle, dass Mario nicht gesagt hat, was er gesagt hat, was er gesagt haben soll, dass er es gesagt hat!“). Rudi Völler könnte derweil als Co-Kommentator zur Euro-Entwicklung Weltmeisterliches abliefern („Tiefpunkt, niedriger Tiefpunkt und noch niedrigerer Tiefpunkt! Ich kann diesen Sch***dreck nicht mehr hören!“).

Wobei: Von einem Tiefpunkt beim Euro zu sprechen wäre maßlos übertrieben. Das aktuelle Niveau in EUR-USD von rund 1,23 entspricht grob dem langjährigen Durchschnitt dieses Währungspaares (1,18). Auf Basis von Kaufkraftparitäten ermittelt sich für EUR-USD ebenfalls ein fairer Wert von weniger als 1,20 (es sei denn, Sie ziehen den Ikea Billy-Regal-Index als Maßgröße heran, dann wäre EUR-USD bei 1,60 fair bewertet). Die Diskussion, ob der Euro schwach oder stark sei, und ob ein schwacher oder starker Euro gut oder schlecht für die deutsche respektive die europäische Wirtschaft wäre, ist in vollem Gang. Ich erinnere mich, dass vor rund einem halben Jahr bei 1,47 das Geheule laut war, der Euro sei viel zu fest. Wenige Wochen später, bei 1,37, war die Währung dann plötzlich viel zu schwach. Jetzt handeln wir bei 1,23 und sind immer noch nicht schlauer. Flexible Wechselkurse sind eben wie die Mannschaftsaufstellung des Bundes-Jogis: Nie sind alle zufrieden. Wir halten daher fest: Das aktuelle Niveau des EUR-USD-Wechselkurses ist nicht zu beanstanden; die Geschwindigkeit des Wertverlustes des Euro reflektiert jedoch eine Wahrnehmung der Eurozone als Demerging Market.
Kaum ein Marktbeobachter gibt derzeit einen Pfifferling auf den Euro. Diese Tatsache ruft eine rasant wachsende Zahl von Kommentatoren auf den Plan, die genau jenen grassierenden Pessimismus als Grund für eine unmittelbar bevorstehende Erholungsrallye sehen. Wahrscheinlich dauert’s keine 48 Stunden, und wir alle erwarten eine Erholungsrallye, und schon wird wieder die Gegenthese eines Totalabsturzes populär. Sind Sie verwirrt? Ich auch!

Auf den ersten Blick verwirrend ist auch das, was die Europäische Zentralbank gestern ankündigte: „Wie versprochen werden wir die durch das Staatsanleihen-Aufkaufprogramm zusätzlich in den Markt gepumpte Liquidität durch Spezialoperationen absaugen.“ Hört sich irgendwie nach Syndesmoseriss im Geldmarkt an. Fakt ist: Die EZB hat in der vergangenen Woche europäische Staatspapiere im Wert von 16,5 Mrd. Euro erworben. Diese Papiere mit einer Restlaufzeit von vermutlich bis zu fünf Jahren, will die Notenbank bis zur Fälligkeit auf ihren Büchern halten. Als liquiditätsabsorbierende Gegenoperation bietet die EZB den Geschäftsbanken nun an, für eine Woche Geld bei ihr zu parken. Der Zinssatz ergebe sich im Rahmen eines Auktionsverfahrens, liege jedoch maximal bei 1%. Eine Woche versus fünf Jahre? Es läuft wohl darauf hinaus, dass die EZB auf lange Sicht eine wöchentlich wiederkehrende rollierende Liquiditätsabsorptionsoperationsauktion durchführen wird.

Neben den fortgesetzten Verhandlungen zugunsten einer stabileren Einheitswährung (BILD: „Entscheidungsschlacht um den Euro“) warten wir heute mit Spannung auf den ZEW Konjunkturindikator (11:00h). Dessen „kleiner Bruder“, der Sentix, stürzte unlängst jäh um rund 25 Punkte ab – was für den ZEW-Index Böses erahnen lässt. Spannend auch die Bond-Autionen in Irland sowie die Platzierung einer neuen 30jährigen Anleihe aus den Niederlanden. (Holland, dieses Mal dabei, demonstriert unmittelbar vor der WM Selbstbewusstsein!) Die Märkte geben sich heute früh ähnlich wie gestern um die gleiche Zeit leicht angeknockt. Aber das hatte gestern ja auch nichts zu bedeuten. Warum also sollte das Euromentum tibiofibulare heute nicht erneut halten?

© Foto – Creative Commons-Lizenz – Quelle: http://www.flickr.com/photos/johnsworld/2483176207/in/set-72157600421044460/ Urheber: John Dobbo

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Thorsten Hahn, Jahrgang 1967, ist Gründer und Geschäftsführer der BANKINGCLUB GmbH. Der Profinetzwerker zählt auf Plattformen wie XING und Linkedin zu den Nutzern mit der besten Vernetzung in die Finanzbranche. Wie kein Zweiter versteht er dieses Netzwerk zu nutzen und auch anderen zugänglich zu machen. Außerdem ist der erfahrene Banker und Diplom-Kaufmann Herausgeber der BANKINGNEWS, welche 10 Jahre lang als Onlinemagazin und seit Sommer 2014 als Printzeitung (7.500 Empfänger) erscheint, sowie Autor verschiedener Fachbücher und Buchbeiträge.

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