Europa als Don Quichotte gegen die Ratingagenturen

Als ob die Staatsschuldenkrise innerhalb der Europäischen Union, besonders für die Euroländer, an sich nicht Last genug wäre. Die modernen Mechanismen des Kreditratings verstärken insbesondere die Zinskosten und beschweren die Kreditwürdigkeit und das Ansehen ganzer Staaten. Die kürzliche Beinaheherabstufung Frankreichs ist ein prominentes Beispiel für die unabsehbaren Wagnisse die durch das Rating entstehen können. Dabei sollte Kreditrating helfen Finanzrisiken zu vermeiden und nicht durch sich selbst neue entstehen zu lassen. Die Idee des Ratings ist in den Vereinigten Staaten entstanden und hatte ursprünglich ganz praktische Motive. Es ging darum Maßstäbe zu finden, die es Finanzmarktteilnehmern erlaubten die Bonität eines Kreditnehmers leicht einschätzen zu können. Dabei ging es um solche Schuldner, die sich Kapital über das Instrument einer Anleihe (Bond) an Finanzmärkten besorgen. Was zunächst nur eine Hilfsfunktion für Finanzinsider war kam 1975 erst richtig in Fahrt, als die amerikanische Börsenaufsichtsbehörde SEC von allem Wertpapieremittenten an US-Börsen ein Rating von mindestens zwei Agenturen verlangte.

Weil die Vereinigten Staaten immer noch der größte Kapitalmarkt der Welt sind, hatte diese Maßnahme entsprechende globale Wirkungen. Im Laufe der Zeit entwickelte sich aber durch die Finanzmärkte ein weitaus wirksamerer Mechanismus. Der Zusammenhang zwischen Rating und Kreditkosten. Was ein Schuldner tatsächlich für seine Anleihen zu zahlen hat ergibt sich aus einem Basiszinssatz und einem Aufschlag, dessen Höhe eben von dem Rating des Schuldner abhängig ist. Dieser Mechanismus hat sich in den vergangenen Jahren soweit verselbständigt, dass mit fallendem Rating automatisch die Kreditkosten für den betroffenen Schuldner steigern.

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Genau an dieser Stelle werden aktuell die hochverschuldeten Euroländer besonders heftig geschüttelt. Nun möchten die Europäischen Institutionen mit allerlei Maßnahmen die Auswirkungen des Ratings zumindest für ihre Staatsschulden eindämmen. Da ist beispielsweise von erhöhter Transparenz beim Zustandekommen des Ratings die Rede. Es fällt schwer sich das in der Praxis vorzustellen. Wenn der Ratingprozess tatsächlich transparent wäre und die Methoden von einer Behörde wie der ESMA genehmigt werden müssten, würden die Ratingagenturen sozusagen ihre geheimen Rezepte offenlegen und damit die wirtschaftliche Grundlage ihres Geschäftes verlieren. Kaum vorstellbar. Weiter sollen die Ratingagenturen u.a. ihre Kundenliste veröffentlichen. Auch das ist eine kaum glaubhafte Maßnahme. Sobald eine Ratingagentur zu einem bestimmten Wertpapier ein Rating vornimmt weiß man schon wer der Auftraggeber ist. Allerdings gibt es in den Plänen der EU kein Wort darüber wie der Interessenkonflikt der Agenturen gelöst werden kann, dass ihre Auftraggeber die Emittenten der Schuldscheine und nicht deren Gläubiger sind. Spätestens bei der Durchsetzung erscheinen die vorgeschlagenen Maßnahmen wie der Kampf des Don Quichotte gegen Windmühlen. Alle wirklich relevanten Ratingagenturen sind US-amerikansiche Gesellschaften. Keine einzige dieser Ratingagenturen hat ihren Hauptgeschäftssitz in Europa. Keine könnte rechtlich wirksam von europäischen Behörden, geschweige denn Gerichten, belangt werden.

Will man also nicht gegen Mühlen kämpfen müsste man alternativ mit den Vereinigten Staaten verhandeln, um zu versuchen gemeinsam die Spielregeln der Ratingagenturen den aktuellen Erfordernissen anzupassen. Die jüngstgen G-20-Gipfel machen aber deutlich, dass es hier zu keinen wesentlichen Fortschritten gekommen ist. Schließlich gibt es aber auch eine letzte Alternative. Die Politik bringt endlich glaubwürdig die zerrütteten Staatsfinanzen in Ordnung.

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Thomas Seidel ist Freier Journalist für Wirtschaft & Finanzen.

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