„Wir haben keine 15 Jahre mehr“

Kleinere Unternehmen sind auf die Vergabe von Krediten angewiesen, da sie selten ad hoc über ausreichend Liquidität verfügen. Jedoch wird es für Banken immer schwerer, entsprechende Kredite zu vergeben. Im Gespräch bewertet Oliver Schimek, CEO von CrossLend, diese Situation und gibt Impulse mit seiner Geschäftsidee.

Oliver Schimek ist Gründer und CEO von CrossLend. Er verantwortet den gesamten Auf- und Ausbau des Geschäfts in Deutschland und Europa. Vor der Gründung von CrossLend im Jahr 2014 war Schimek als Chief Financial & Investment Officer für die Kreditech Holding in Hamburg tätig.

BANKINGNEWS: Die aktuelle Situation ist für Geldhäuser nicht die schönste: Regulierung, Niedrigzinsen, Digitalisierung. Ihr Geschäftsmodell ist es, Banken profitabler zu machen. Wie stellen Sie das an?

Oliver Schimek: CrossLend verbrieft Kredite einzeln. Sie kennen sicherlich Verbriefungen, in denen mehrere Kredite in großen Portfolien gepoolt werden. Wir können dagegen einzelne Kredite über Bonds refinanzieren. Dabei nehmen wir das Risiko aus den Büchern der Bank – wenn auch nicht vollständig, denn es muss immer ein Risikobehalt bei der Bank bleiben. Wir können jedoch große Teile von der Bankbilanz übernehmen und über unsere Plattform refinanzieren. Dadurch machen wir Banken Peer-to-Peer-fähig.

Welche Ansatzpunkte verfolgen Sie dabei?

Wir verfolgen drei Säulen: Erstens reduzieren wir die Eigenkapitalkosten für das gleiche Business, weil nicht mehr das volle Risiko auf die Bilanz genommen wird. Zweitens verringern wir die Kosten für die Kunden-Akquise der Banken, weil sie bestimmte Kunden nicht mehr ablehnen müssen. Stattdessen können mit den gleichen Marketing-Ausgaben mehr Kunden gewonnen werden. Der dritte Aspekt ist die Verbesserung der operativen Effizienz: Die Bank kann ihre bestehenden Operationen besser auslasten und an mehr Kunden Geld verdienen.

„Wir wollen Banken einen Teil der Last nehmen“

Für mittelständische Unternehmen wird es immer schwieriger, an Kredite zu gelangen. Jetzt haben Sie mit CME Ventures einen neuen Investor gewonnen. Ist das ein Zeichen, dass ihr Geschäftsmodell einen globalwirtschaftlich richtigen Weg einschlägt?

Die CME-Group ist einer der weltweit führenden Marktplätze. Das sagt etwas über die Richtung aus, in die wir uns entwickeln. Auf der einen Seite existiert das von Ihnen angesprochene Problem der schleppenden Kreditvergabe, aber auf der anderen Seite ist es nicht so, dass das Kapital nicht zur Verfügung stünde, sondern es bewegt sich in ineffizienten Strukturen. Das Ziel ist, die aus den Peer-to-Peer-Lendings gewonnenen Erfahrungen in das bestehende System einfließen zu lassen. Im Rahmen der Schaffung einer Kapitalmarktunion braucht es einen echten Marktplatz im Zentrum. Wir nennen das eine „European Debt Exchange“. Hierdurch schaffe ich Transparenz, faire Konditionen und Liquidität in einer Asset-Klasse, die gegenwärtig für Banken mit Risiken behaftet ist. Es wird Banken schwer gemacht, Kredite zu vergeben und reibungsfrei zu agieren. Wir wollen Banken einen Teil dieser Last durch eine Plattform nehmen, die genau da ansetzt: die Kreditvergabe einfacher zu machen, zusammen mit einer Optimierung der Profitabilität.

Aus Ihrer Erfahrung: Wie bewerten Sie die aktuelle wirtschaftliche Situation?

Die Möglichkeit für gravierende makroökonomische Störungen, auch aufgrund der politischen Lage, ist so unberechenbar geworden wie schon lange nicht mehr. Ähnliches gilt für die Prognose von Zinsentwicklungen. Ich sehe durchaus Szenarien, in denen Zinsen wieder ansteigen; doch es gibt genauso gute Gründe, dass sie niedrig bleiben. Das führt zu besagten Problemen, da wir hier Pensionskassen oder Krankenversicherungen haben, für die ein Anlageproblem entsteht und deren Business-Modelle massiv von einer gesunden Verzinsung abhängen. Hier muss man die Ineffizienzen im System finden und lösen sowie die Return-on-Equity-Problematik der Banken im Blick haben. Alles muss mit den globalwirtschaftlichen Notwendigkeiten in Einklang gebracht werden.

„Lösung ist Symbiose mit der Bank“

Wollten Sie Banken vor diesem Hintergrund von Beginn an Support geben?

Wir wollten eine Alternative zur Bank bieten, weil wir das Problem der Kreditvergabe erkannt haben. Mittlerweile wollen wir gar keine Alternative zur Bank mehr sein. Der effizientere Weg ist, den Banken die Peer-to-Peer-Vorteile unseres Systems an die Hand zu geben. Die Bank vergibt den Kredit und gewinnt folglich den Kunden sowie dessen Daten. Die Schaffung einer alternativen Finanzindustrie bringt zudem massive Risiken mit sich: Schnellen die Eigenkapitalvorschriften von 8 auf 16 Prozent, dann halbiert man mit einem Schlag die Kreditvergabekapazität der Banken. Wenn ein „Alternative Lending“ das auffangen soll, muss der Alternative-Lending-Bereich genauso so groß sein wie der Bankbereich. Das kann kein Mensch wollen, denn es ist ökonomischer Blödsinn. Die Lösung ist die Symbiose mit der Bank. Das braucht das europäische System so schnell wie möglich, da wir keine 15 Jahre mehr Zeit haben.

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