Der demographische Wandel fordert ein radikales Umdenken in Bezug auf Geldanlagen und Altersvorsorge. Bisher hat dieser Mentalitätswechsel vor allem in Deutschland jedoch noch nicht stattgefunden. Bildnachweis: iStock.com/A-Digit

Fest steht jedoch, dass die Folgen der Gerontisierung Deutschlands durch die Abschaffung positiver Habenzinsen erheblich verschärft werden. Genau besehen hat sich durch die große Finanzkrise ein fundamentaler Gezeitenwandel ergeben, dessen Auswirkungen bislang noch gar nicht voll erfasst wurden. Schauen wir aber zunächst ein paar Jahre zurück. Seit der amerikanischen Subprimekrise, die im Jahr 2007 begann und zunächst eine rein amerikanische Immobilien- und Kreditkrise war, die sich dann allerdings rasch und mitunter sogar dominant auf viele Länder der westlichen Welt ausweitete, hat sich das grundsätzliche Gefüge für Geldanlagen radikal verändert. Die wichtigen Notenbanken der Welt bugsierten die Zinsen auf die Nulllinie. In der Folge wurden über Jahrzehnte tradierte Sparformen wie etwa klassische Kapitallebensversicherungen, Bausparverträge, Sparverträge, Geldmarktfonds etc. obsolet. Erstaunlicherweise hat sich aber das Sparverhalten zumindest in Deutschland kaum weder der Sache noch der Höhe nach verändert, sodass die gänzlich veränderte Lage an den Zinsmärkten nahezu vollständig ignoriert wird. Dieser Befund trifft übrigens keineswegs nur sparfreudige Bürger, sondern hat mittlerweile auch ihren Niederschlag bei veränderungsresistenten institutionellen Anlegern wie beispielsweise Versicherungen, Pensionsfonds oder Stiftungen gefunden.

Ein internationaler Ausnahmezustand

Ebenso wenig war der deutsche Staat willens, seine traditionelle regulatorische und steuerliche Bevorzugung von Zinsanlagen zu überdenken. Man kann sich kaum des Eindrucks erwehren, als wollten Zinsanleger und Staat durch Ignoranz und Nichtstun das Problem in der Hoffnung aussitzen, es würden in der Zukunft die guten alten Zeiten auskömmlicher Zinsen wieder zurückkehren. Jedoch spricht aktuell nichts dafür, dass die Zinsmärkte alsbald aus ihrem hoheitlich herbeigeführten Ausnahmemodus herausfinden könnten, denn die Staatshaushalte, mittlerweile gewöhnt an fortwährende Entlastung durch die Notenbanken, würden deutlich höhere Zinsraten angesichts eines strukturell schwachen Wirtschaftswachstums ohne drastische Sparanstrengungen nicht schultern können. Dieser Befund gilt keineswegs nur für Griechenland, Spanien, Italien, Frankreich und Portugal, sondern betrifft mutatis mutandis auch die Vereinigten Staaten von Amerika, Großbritannien und nicht zuletzt Deutschland selber.

Mentalitätswechsel erforderlich

Offenbar ist ein Umsteuern auf dem Gebiet der privaten Altersvorsorge unerlässlich, damit nicht ein Großteil der Bürger im Ruhestand dem Staat anheimfällt, der seinerseits trotz hoher Abgabenlasten bedrohlich hoch verschuldet ist. Vonnöten wäre eine Abkehr von der traditionellen Zinsobsession und eine Hinwendung der Vermögensbildung zu den Wertschöpfungsgeneratoren der Volkswirtschaft. Hierzu wäre jedoch ein kompletter Mentalitätswechsel erforderlich, der angesichts der Traditionen und der Überalterung in Deutschland eher nicht zu erwarten steht. Die Einsicht, dass der Wohlstand unseres Landes in aller erster Linie auf der Leistung seiner Unternehmen beruht, und dass man sich an dieser Wohlstandsgenerierung beteiligen sollte, scheint ein zu fern liegender Gedanke zu sein, wie seine geringe Verbreitung ausreichend belegt. Denn das Instrument der Beteiligung an der Volkswirtschaft ist die Aktie und ihr Durchführungsweg für den normalen Sparer der Aktienfonds. Sowohl Aktien in der Direktanlage als auch Aktienfonds fristen trotz ihrer erwiesenen Vorteilhaftigkeit vor allem in Hinsicht auf Rendite aber auch bezüglich der Liquidität gegenüber Zinsanlagen in all ihren Erscheinungsformen ein Schattendasein. Fassungslos registriert man, dass fast zwei Drittel der Aktien großer Deutscher Aktiengesellschaften mittlerweile im Besitz ausländischer Eigentümer befindlich sind.

Investitionen in die Wirtschaft

Zum Sparen traditioneller Prägung gibt es heute nur eine sinnvolle Alternative. Sie besteht im bewussten Investieren der Spargelder in die Wirtschaft, und zwar am besten international. Um diesen Weg konsequent zu gehen, ist vom Anleger gefordert anzuerkennen, dass materieller Wohlstand nur in Unternehmen erarbeitet wird und die Existenz von Börsen den einzelnen dazu befähigt, sich daran zu beteiligen. Dieser Gedanke, der für Amerikaner, Schweizer und Briten selbstverständlich ist, scheint aber in Deutschland einem Dreifachoxer mit Wassergraben zu ähneln. Es wird spannend zu sehen sein, ob Deutschland auf dem Gebiet des Vermögensaufbaus seinen renditeschwachen Sonderweg fortsetzen wird oder ein Wandel möglich ist. Alle Risikofetischisten seien zuletzt noch auf ein altes Börsenbonmot verwiesen, welches heißt: Es ist ein Risiko, Aktien zu besitzen. Ein noch größeres Risiko ist es, keine Aktien zu besitzen.

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