Guten Morgen, heute ist Donnerstag, der 20. Januar 2011 !

  • Tabubruch: Allmählich wird es schick, Schuldenumstrukturierungen für EWU-Länder zu fordern
  • Taburett: Angeblich wird im Bundesfinanzministerium eine Do-it-yourself-Umschuldung diskutiert
  • Tabulator: Produzentenpreise in Deutschland steigen um 5,3%

Letztens hatte ich nach der Entfernung eines Weisheitszahns heftige Zahnschmerzen. Ich bekam Anabolika verschrieben. Oder waren es Antibiotika? Egal, jedenfalls gingen mit diesem Zaubermittelchen nicht nur die Zahnschmerzen dahin. Gleichzeitig verschwand mein Husten, ich konnte besser schlafen und mein Stuhl… lassen wir das. Aber Wahnsinn, wenn man diese Pillen jetzt noch mit etwas Viagra anreichern würde, hätte man wahrscheinlich die Eier legende Wollmilchsau-Tablette erfunden.

Genau eine solche Tablette suchen mehrere Hundertschaften von Politikern, Wissenschaftlern und Analysten derzeit für die Bekämpfung der europäischen Schuldenkrisenkopfschmerzen. Wir brauchen ein Wundermittelchen, welches gleichzeitig die Zahlungsfähigkeit der Staaten sicherstellt, ihre Haushaltspolitik auf solide Beine stellt, den Stabilitäts- und Viagrapakt als Herzstück der Union stärkt, die Wettbewerbsfähigkeit aller EWU-Länder auf einen Schlag auf das Niveau Deutschlands hebt, eine daraus resultierende 100%ige Aufwertung des Euro verhindert und die WM 2022 von Katar nach Deutschland verlegt.

Viele Beobachter bezweifeln, dass wir eine solche Lösung finden werden. (Sie können im Selbstversuch ja mal ausprobieren, was mit Ihrem Körper passiert, wenn Sie gleichzeitig eine Ladung anabole Steroide und Antibiotika zu sich nehmen…). Also wird mit allerlei Rettungsschirmkonzepten und Gesamtpaketlösungen herumhantiert. Das Heraufbeschwören von Armageddon-Szenarien und Schuldenrestrukturierungsstrategien war dabei bislang den Dr. Dooms dieser Welt (Roubini, Rogoff etc.) vorbehalten. Doch dieses Oligopol wird jetzt aufgebrochen: Es entsteht ein lebendiger Wettbewerb um die beste Umschuldungstaktik für zahlungsschwache EWU Mitgliedsnationen. Am Montag war es der Economist, grundsätzlich nicht für unüberlegte Toilettenparolen bekannt, der Umschuldungen für die schwächsten Länder gefordert hat. Das Wall Street Journal zog gestern nach. Aus Deutschland folgte der Freiburger Finanzwissenschaftler und Wirtschaftsweise to be elected, Lars Feld: "Ich glaube nicht, dass es Griechenland ohne Umschuldung schaffen wird". Den ersten Follower gewann Feld in Kurt Lauk. Der Präsident des Wirtschaftsrates der CDU forderte gestern, mit dem Tabu eines Umschuldungsszenarios zu brechen.

Seinen Führungsanspruch in allen Themen untermauernd kommt der kreativste Vorschlag jedoch aus deutschen Regierungskreisen: Die Zeit berichtet von Plänen für eine Do-it-yourself-Umschuldung Griechenlands. Demnach soll das Land über den EFSF zinsgünstige Kredite erhalten. Mit diesem Geld könne Griechenland dann entweder Anabolika oder eigene Anleihen kaufen. Beispiel: Ein Griechen-Bond handelt im Markt zu 70 Cent. Mit dem EFSF-Kredit bietet Griechenland nun an, diesen Bond zu, sagen wir, 75 Cent zurückzukaufen. Wenn alle Anleihenbesitzer zustimmen, hat das Land seine Verbindlichkeiten aus dieser Anleihe um 25% gedrückt und seine Zinslasten gesenkt. Gelingt Griechenland das mit allen seinen Anleihen, steigt das Vertrauen in das Land und alles wird gut.

Der Charme dieses (natürlich umgehend von allen Seiten dementierten) Vorschlags liegt darin, dass der Markt über den Abschlag ("Haircut") entscheidet. Jeder Besitzer von Griechen-Bonds darf selber entscheiden, ob er das Angebot des Landes annimmt oder nicht. Dies ist aber gleichzeitig auch der große Nachteil eines solchen Projekts: Es ist nicht planbar. Sollte sich der Plan als Rohrkrepierer erweisen, können wir wieder von vorne anfangen.

Die Märkte können oder wollen das vermeintliche Antibiotikum aus der Kreativschmiede Bundesfinanzministerium noch nicht wirklich schlucken. Zins- und Währungsmärkte schüttelten sich gestern nur kurz, bewegten sich aber nicht von der Stelle. Stattdessen bevorzugen die Anleger erprobte Hausmittel, man wendet sich oft erprobten Themen wie zum Beispiel der Inflationsentwicklung zu. In China fiel die Inflationsrate im Dezember von 5,1% auf 4,6%. In Brasilien hebt die Zentralbank den Leitzins wegen Inflationsdrucks um 50 Bp an. In Deutschland stiegen die Produzentenpreise um 5,3%. Axel Weber ist wegen der Inflationsentwicklung "very vigilant". Das hört sich nach einer schweren Erkältung an. Aber dagegen gibt es doch erprobte Mittelchen. Nicht wahr, Herr Weber?

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Dies ist ein humoristischer Marktkommentar und keine Anlageberatung. Die Einschätzungen des Autors beruhen auf Informationen, die auf öffentlich zugänglichen, als verlässlich eingeschätzten Informationsquellen basieren. Weitere Informationen finden Sie im Disclaimer.
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Kornelius Purps
Fixed Income Strategist
Director
MRE4FI
UniCredit Research

kornelius.purps@unicreditgroup.de

Kornelius Purps Corporate & Investment Banking
UniCredit Bank AG

www.unicreditgroup.eu

 

Foto von ayzekwww.istockphoto.de
Foto Purps und Logo UniCredit Bank von UniCredit Bank AG

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